Worum es heute geht
Heute ist Wahltag in den USA, und während ihr diese Zeilen lest, stehen die Menschen hier in Texas an den Urnen. Die Midterms, die Zwischenwahlen in der Mitte einer Amtszeit, gelten als Zwischenzeugnis für den Präsidenten. Trump steht nicht auf dem Wahlzettel. Und doch entscheidet dieser Tag darüber, ob er in seinen letzten zwei Amtsjahren ein Parlament hat, das ihm zuarbeitet, oder eines, das ihn kontrolliert.
Neu gewählt werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus. Vor der Wahl halten die Republikaner 218 Sitze, die Demokraten 214, dazu kommen ein Unabhängiger und zwei freie Sitze. Für die Mehrheit braucht eine Partei 218 Sitze. Den Demokrat*innen fehlen also nur drei, und in den Umfragen liegen sie vorn.
Im Senat ist es schwerer. Dort werden 35 der 100 Sitze neu vergeben, 33 regulär und zwei in Sonderwahlen in Florida und Ohio. Von diesen 35 Sitzen halten die Republikaner 22, die Demokraten 13. Insgesamt steht es vor der Wahl 53 zu 47, wenn man die zwei Unabhängigen mitzählt, die mit den Demokraten stimmen. Die Demokrat*innen müssen alle ihre 13 Sitze halten und netto vier dazugewinnen. Bei 50 zu 50 entscheidet Vizepräsident JD Vance, und dann hätten weiter die Republikaner die Mehrheit.
Die umkämpften Senatssitze liegen in Georgia, Michigan, New Hampshire, Maine, North Carolina, Ohio, Alaska, Iowa und Kansas. Und in Texas. Dazu werden in 36 Bundesstaaten die Gouverneur*innen gewählt, also in fast drei Vierteln des Landes. Rund 12 Milliarden Dollar sind in diesem Wahlkampf ausgegeben worden, so viel wie nie zuvor bei Zwischenwahlen.
Warum ist das so wichtig? Weil ein Kongress, der Trump zu Hause bremst, auch seine Außenpolitik bremst. Ein demokratisch geführtes Repräsentantenhaus kann Gesetze blockieren, Untersuchungsausschüsse einsetzen und Budgets verweigern. Der Senat bestätigt Richter*innen und Minister*innen. Wer beide Kammern hat, regiert durch. Wer keine hat, muss verhandeln.
Warum alle auf Texas schauen
Texas ist eigentlich kein Staat, der mal so und mal so wählt. Trump hat ihn 2024 mit fast 14 Punkten Vorsprung gewonnen, und seit 1988 hat hier kein Demokrat mehr eine Senatswahl gewonnen. In diesem Jahr ist das anders. James Talarico, 37 Jahre alt, früher Lehrer, Theologiestudent, tritt für die Demokraten gegen Ken Paxton an, den Generalstaatsanwalt von Texas und einen der engsten Verbündeten Trumps. Die letzten Umfragen sehen Talarico vorn, NYT/Siena mit sieben Punkten, andere knapper, eine sieht ein Unentschieden.
Es ist das teuerste Rennen, das es in den USA außerhalb einer Präsidentschaftswahl je gegeben hat. Mehr als 573 Millionen Dollar sind allein in Werbung geflossen. Elon Musk, der reichste Mann der Welt, hat mindestens 168 Millionen Dollar in Gruppen gesteckt, die Paxton unterstützen. Talarico hat 146 Millionen Dollar gesammelt, von mehr als 1,3 Millionen Menschen. Daraus hat er seine Erzählung gemacht: David gegen Goliath, die Menschen gegen die Milliardäre.
Gestern Abend stand ich bei seinem letzten Auftritt in Austin. Die Schlange vor dem Stubb’s, einer Konzertbühne unter freiem Himmel, zog sich über mehrere Blöcke. Drinnen ein paar tausend Menschen, viele davon jung. Talarico sprach über Mieten, über Krankenversicherung, über Rechenzentren, die den Strom teurer machen, über Zölle und einen neuen Krieg im Nahen Osten. Und er sprach über Macht: »Wir treten gegen den reichsten Mann der Welt an und gegen den mächtigsten Mann der Welt. Die Mächtigen haben ihren Kandidaten gekauft und bezahlt. Aber wir stehen an der Seite derer, die eigentlich Macht haben sollten: der Lehrer*innen und Krankenschwestern, der Landwirt*innen, der Großmutter, der die Zwangsräumung droht.« Am Ende rief er, man werde die Welt schockieren, die Milliardäre schlagen und sich Texas zurückholen.
Gewinnt er, wäre das historisch. Und es wäre einer der wenigen Wege, auf denen die Demokrat*innen die Senatsmehrheit erreichen können.
Worum es wirklich geht
Zwölf Tage lang bin ich mit dem Camper durch den Süden gefahren, von Miami bis nach Texas. Und wenn ich eine Frage immer wieder gestellt habe, dann diese: Worum geht es bei dieser Wahl eigentlich?
Die Antworten waren so verschieden wie die Menschen. In Fort Myers hieß es auf Trumps Rally, Gott habe Trump gemacht. In Jacksonville ging eine schwarze Gemeinde nach dem Gottesdienst geschlossen wählen. In einer Bar in Alabama sagten mir Menschen, Jesus liebe das Leben, deshalb wählten sie republikanisch, und sie würden auch einen Schimpansen wählen, wenn er gegen Abtreibung sei. Sie wissen, wen sie wählen. Es ist Identifikation, und es ist Kalkül: ein Thema über alles, und im Kern geht es darum, die eigene Gruppe aufzuwerten und die anderen abzuwerten.
Und dann die anderen Geschichten. Die Miete, die nur mit drei Jobs zu zahlen ist. Die Krankenversicherung, die seit dem Jahreswechsel so teuer ist, dass in Texas fast 900.000 Menschen ihre Police gekündigt oder die erste Rechnung nicht bezahlt haben, nachdem die Zuschüsse ausgelaufen sind. Die Frau, die sagt, Trump zu wählen sei ein Fehler gewesen.
Dazu kommt das, was seit anderthalb Jahren in Washington passiert. Trump regiert nach dem Drehbuch von Project 2025, dem Plan der Heritage Foundation, die Demokratie von innen umzubauen: Behörden, Justiz und Kontrollen unter die Macht des Präsidenten zu bringen. Ein Tracker zählt 141 von 321 Zielen als erledigt, 70 weitere sind in Arbeit. Vor seiner Wahl 2024 haben viele nicht geglaubt, dass es so weit kommt. Dabei sagen Autokraten vorher, was sie tun. Und dann tun sie es.
Deshalb ist diese Wahl so wichtig. Trump wird nervöser, und niemand weiß, was er tut, wenn er sie verliert. Die Erzählung von der gestohlenen Wahl liegt jedenfalls bereit, das habe ich euch vor zwei Tagen im Newsletter zum Wahlbetrug beschrieben.
Was das mit uns zu tun hat
In meinem Buch »Wenn der rechte Rand regiert« habe ich beschrieben, woran die Demokraten nach 2024 gescheitert sind: Sie wussten, wogegen sie sind. Nicht, wofür. Die Haltung, die Wähler*innen würden schon irgendwann merken, dass die guten Demokraten die bessere Option seien, war moralische Überheblichkeit. Und sie hat verloren. Gegen etwas zu sein, reicht nicht für eine Wahlüberzeugung. Es sind immer soziale Antworten, die soziale Probleme lösen.
Gestern Abend in Austin klang das anders. Da sprach jemand über das Leben der Menschen und nicht nur über Trump. Und man spürte, was passiert, wenn Menschen sich gesehen fühlen: Dieses Knistern in der Luft, das ich seit Atlanta kenne. Die Demokraten scheinen verstanden zu haben, dass Menschen denen folgen, bei denen sie sich zugehörig fühlen. Genau das ist die Stärke der autoritären Bewegungen, die ich in Polen, Italien und den USA beobachtet habe: Sie bieten Identität. Die Antwort darauf kann nicht sein, ihnen das Feld zu überlassen. Zugehörigkeit lässt sich auch in einer Demokratie schaffen.
Autoritäre lernen voneinander. Also müssen wir, die uns ihnen entgegenstellen, das auch. Die Forschung gibt dabei Hoffnung: Seit 1900 wurde mehr als die Hälfte aller Phasen, in denen Länder autoritärer wurden, wieder umgedreht, in den letzten drei Jahrzehnten sogar fast drei Viertel. Entscheidend ist, dass Opposition und Zivilgesellschaft früh zusammenfinden, möglichst innerhalb einer Wahlperiode nach dem Beginn.
Das ist die Lehre für Deutschland. Zivilgesellschaft und Parteien müssen jetzt handeln: soziale Probleme lösen, eine Zukunft zeigen, die Menschen abholen. Nicht erst, wenn Autokraten regieren. Denn dann lässt sich das nur schwer zurückdrehen. Auch das zeigen uns die USA seit anderthalb Jahren.
Heute Nacht in Austin
Die Wahllokale in Texas schließen um 19 Uhr Ortszeit, das ist zwei Uhr nachts bei euch. Wir sind heute Abend bei der Wahlparty von James Talarico in Austin und nehmen euch in der Story mit. Erste Ergebnisse gibt es in der Nacht, belastbar werden sie wegen der Briefwahl in manchen Staaten erst in den Tagen danach. Und vielleicht zeigt uns Texas heute, was möglich ist, wenn wir nicht wegsehen.
Am Sonntag kommt auf YouTube und im Podcast die sechste Analyse: die Einordnung des Wahlergebnisses und was es für Deutschland bedeutet.
Danke, dass ihr dabei seid.







