Am Dienstag wählen die USA, und ich schreibe diese Zeilen in Texas, auf dem Weg nach Austin. Seit dem 22. Oktober fahren wir mit dem Camper durch den Süden. Vier Tage später, am 26. Oktober, hat Donald Trump ein Versprechen gemacht, das viel darüber verrät, in welcher Stimmung dieses Land in die Wahl geht: Wer Wahlbetrug meldet, soll eine Million Dollar bekommen, wenn daraus eine Festnahme und eine Verurteilung werden. Das gilt laut Trump für vergangene Wahlen und für diese.
Eine Belohnung für etwas, das kaum existiert
Woher das Geld kommen soll, hat das Weiße Haus nicht gesagt. Eine eigene Meldestelle für Wahlbetrug gibt es ebenfalls nicht, Hinweise laufen über eine Seite der Regierung, auf der es bisher vor allem um Betrug bei Sozialleistungen ging. Eine Recherche von Hearst Television hat seit 2016 genau 513 nachgewiesene Fälle von Wahlbetrug gezählt, bei rund 685 Millionen abgegebenen Stimmen. Das macht das Angebot nicht harmlos. Forschende der University of Washington sehen darin vielmehr den nächsten Schritt einer Strategie, die seit Jahren »Beweise« für Betrug produzieren soll und nun einen finanziellen Anreiz bekommt.
Die Geschichte dahinter beginnt 2020. Trump verlor die Wahl und erzählt seitdem, sie sei ihm gestohlen worden. Gerichte, Nachzählungen und Prüfungen haben das nie bestätigt. Trotzdem stürmten seine Anhänger*innen am 6. Januar 2021 das Kapitol, und am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit begnadigte er rund 1.500 von ihnen. In diesem Jahr ließ das FBI die Stimmzettel von 2020 aus dem Bezirk rund um Atlanta abtransportieren, und am 22. Oktober beanspruchte Trump in Iowa mit derselben Erzählung das Recht auf eine dritte Amtszeit, die die Verfassung verbietet.
Vom Misstrauen zur Haustür
Inzwischen ist aus der Erzählung Verwaltungshandeln geworden. Bewaffnete Ermittler*innen des Heimatschutzministeriums haben Menschen zu Hause aufgesucht, um sie nach ihrer Staatsbürgerschaft und ihrer Stimmabgabe zu fragen. Das Ministerium spricht von mehr als 300.000 Fällen, die untersucht würden. Das sind Ermittlungen, keine bestätigten illegalen Stimmen. Die Regierung begründet ihr Vorgehen damit, dass nur Staatsbürger*innen wählen dürfen und sie die Wahlen schützen wolle.
Genau hier liegt der Kern des autoritären Playbooks, über das ich in meinem Buch »Wenn der rechte Rand regiert« schreibe. Wenn Wahlen angeblich nicht sicher sind, werden auch Gerichte, Behörden und Wahlhelfer*innen verdächtig. Am Ende bleibt nur noch einer, dem man glauben soll: DONALD TRUMP. Dass das wirkt, zeigen die Zahlen des Pew Research Center: Nur 45 Prozent der republikanisch orientierten Befragten vertrauen darauf, dass Stimmen von Menschen ohne Staatsbürgerschaft verhindert werden, während es unter den demokratisch orientierten 90 Prozent sind. Aber das Misstrauen trifft beide Lager. Dass Briefwahlstimmen korrekt gezählt werden, glauben nur noch 64 Prozent der Demokrat*innen. 2024 waren es 85 Prozent.
Und diese Saat kann gefährlich werden. Eine Umfrage des Instituts PRRI ergab schon 2021: Wer glaubt, die Wahl sei gestohlen worden, stimmte viermal so häufig der Aussage zu, »wahre Patrioten« müssten vielleicht zur Gewalt greifen, um das Land zu retten.
Die Gerichte halten dagegen
Die gute Nachricht der letzten Tage kommt aus den Gerichtssälen. Ein Berufungsgericht hat am Freitag Beschränkungen bestehen lassen, die die Hausbesuche von Ermittler*innen bei mutmaßlichen Staatsbürger*innen in neun Staaten begrenzen, darunter Georgia und Pennsylvania. Am selben Tag hat eine Bundesrichterin den Behörden vorläufig untersagt, Wahlhelfer*innen mit Strafverfolgung zu drohen. Diese Anordnung gilt bis zum 16. November. Sieben Richter*innen des Berufungsgerichts widersprachen allerdings scharf: Das Gericht verwechsle Ermittlungen mit Einschüchterung. Endgültig entschieden ist also noch nichts.
Wo die Wahl einen Tag vorher steht
Die Republikaner halten im Senat 53 von 100 Sitzen und im Repräsentantenhaus eine knappe Mehrheit. Den Demokraten fehlen dort drei Sitze, im Senat vier. Im landesweiten Umfragedurchschnitt liegen sie mit 51,4 zu 43,2 Prozent vorn. Die Prognosemodelle sehen sie im Repräsentantenhaus als klare Favoriten, je nach Modell mit 80 bis 95 Prozent Wahrscheinlichkeit. Im Senat gehen die Werte von 60 bis 78 Prozent, doch acht Rennen lagen zuletzt innerhalb von vier Punkten. Ein Fehler in den Umfragen, der mehrere Staaten in dieselbe Richtung verschiebt, kann alles verändern.
Warum wir jetzt in Texas sind
Deshalb sind wir jetzt in Texas. Der Staat ist tiefrot: Trump hat ihn vor zwei Jahren mit rund 14 Punkten gewonnen, und die Demokrat*innen haben hier seit 1988 keine Senatswahl mehr gewonnen. Trotzdem ist das Rennen um den Senatssitz offen. Der Demokrat James Talarico, ein früherer Lehrer mit abgeschlossenem Theologiestudium, tritt gegen den Republikaner Ken Paxton an, den Generalstaatsanwalt, gegen den seine eigene Partei 2023 wegen Bestechungs- und Amtsmissbrauchsvorwürfen ein Amtsenthebungsverfahren eröffnet hat. Paxton wurde freigesprochen, und mit Trumps Unterstützung hat er im Mai den bisherigen Senator seiner Partei aus dem Rennen geworfen. Eine Umfrage von YouGov sieht Talarico bei 51 zu 47 Prozent, eine von Quantus Insights sieht Paxton knapp vorn. Im Durchschnitt liegt Talarico gut zwei Punkte voraus, und das ist innerhalb der Fehlertoleranz. Verlassen kann man sich darauf nicht, Millionen Texaner*innen wählen erst am Dienstag.
Wie nervös die Republikaner sind, hört man an ihren Sätzen. Ted Cruz hat schon im Sommer eingeräumt, Talarico habe eine echte Chance. Trump war allein im Oktober dreimal in Texas, nannte Talarico einen »Freak« und sagte über Paxton: »We need that vote«, wir brauchen diese Stimme. Paxton selbst sagt: »Wenn wir Texas verlieren, verlieren wir Amerika.« Und im Kern geht es hier um den Glauben. Paxton spottet, Talarico glaube, Gott sei nicht-binär. Das hat Talarico 2021 tatsächlich in einer Parlamentsdebatte gesagt, als Argument dafür, dass Gott größer sei als menschliche Kategorien. Paxtons Kampagne macht daraus einen Angriff auf das Christentum. Talarico hält dagegen, eine ganze politische Bewegung benutze das Christentum für Dinge, über die Jesus nie gesprochen habe. Und er redet über das, was die Menschen hier umtreibt: Texas habe eine Teuerungskrise, weil es eine Korruptionskrise habe. Das ist vielleicht die eigentliche Lehre für Deutschland. Menschen fassen wieder Hoffnung, wenn jemand über ihr Leben spricht und nicht nur über den Gegner. Allein in Texas haben über sechs Millionen Menschen schon vor dem Wahltag abgestimmt, landesweit sind es mehr als 50 Millionen. Wer gewinnt, sagen diese Zahlen nicht. Sie sagen aber, dass sich sehr viele Menschen von all dem nicht einschüchtern lassen.
Warum es nicht reicht, gegen Trump zu sein
Wie es so weit kommen konnte, erzähle ich in der neuen Folge von »Die Analyse«, die gestern erschienen ist und auf dem USA-Kapitel meines Buchs aufbaut. Es beginnt mit einem Satz, den mir Deborah in einem Pub in Washington gesagt hat: »Ich habe das Gefühl, dahinter steckt ein ganzer Plan.« Sie hatte recht, und man kann ihn nachlesen. Bis Herbst 2025 waren 118 von 318 Maßnahmen aus »Project 2025« umgesetzt, im Juni dieses Jahres meldete die Heritage Foundation selbst, mehr als die Hälfte sei erledigt. Trotzdem lag Trumps Zustimmung Mitte Oktober in einer Umfrage von Washington Post und ABC bei 33 Prozent, weil die Menschen die Preise an der Kasse spüren und keine Rede daran etwas ändert.
Drei Dinge nehme ich aus den USA mit, und bei jedem denke ich an Deutschland. Autoritäre Politik schafft die Verfassung nicht ab, sie umgeht sie, mit Tempo und mit Personal. Sie ist vorbereitet, in den USA mit »Project 2025« und bei uns mit 53 Seiten Strategiepapier der AfD. Und sie lebt vom Schweigen derer, die es besser wissen. Die Demokraten haben ein Jahr gebraucht, um zu verstehen, dass »Wir sind nicht Trump« kein Programm ist. Sie gewinnen dort, wo sie über Mieten, Löhne und Gesundheit sprechen. Die Union steht bei YouGov inzwischen bei 18 Prozent, die AfD bei 28, und auch für sie gilt: Gegen etwas zu sein, reicht für eine Wahlentscheidung nicht.
Was am Dienstag bleibt
Eine Erzählung vom Betrug braucht Menschen, die sie glauben, und Menschen, die aufhören hinzuschauen. Beides lässt sich verhindern. Wahlen werden in den USA von Tausenden Menschen getragen, die am Dienstag in den Wahllokalen sitzen, und Gerichte haben in den letzten Tagen gezeigt, dass Kontrolle noch funktioniert, wenn man sie einfordert. Das ist die Zivilgesellschaft, von der in meinem Buch so oft die Rede ist. Sie ist stärker als jede Erzählung vom Betrug.
Am Wahltag sind wir in Austin. In der Nacht und am Morgen danach ordne ich für euch ein, was passiert ist, hier, im Podcast und auf Instagram. Am kommenden Sonntag folgt dann die nächste Youtube-Folge von »Die Analyse« zum Ergebnis.
»Wenn der rechte Rand regiert« (Heyne, 2026) bekommt ihr hier.
Bis später also!






