Ein Abend in Prattville
Prattville ist eine Kleinstadt bei Montgomery, der Hauptstadt von Alabama. Ende Oktober stehen in der Altstadt Tausende Kürbisse, gestaltet von Schulen, Vereinen und Geschäften, dazwischen Foodtrucks und Familien. Auf unserem Roadtrip zu den Midterms sind wir an diesem Donnerstagabend dort gelandet und danach in einer Bar.
Die meisten Menschen, die wir in Alabama treffen, wollen nicht über die Wahl reden. An diesem Abend ist es doch passiert, und das große Thema war Abtreibung. »Jesus liebt uns, Jesus liebt das Leben, und deshalb wählen wir republikanisch«, hat man uns gesagt. Und dann einen Satz, der mir seitdem nicht aus dem Kopf geht: »Wir wissen, dass Trump der Teufel ist. Aber wir würden auch einen Schimpansen wählen, wenn er sich gegen Abtreibungen ausspricht. Weil das Leben für uns wichtiger ist.«
Dieser Satz erklärt mehr über diese Wahl als viele Umfragen. Um ihn zu verstehen, muss man wissen, was für ein Staat Alabama ist.
Einer der frömmsten Staaten des Landes
Alabama gilt als einer der religiösesten Bundesstaaten der USA. In der großen Religionsstudie des Pew Research Center lag es 2014 auf Platz eins. Heute bezeichnen sich 43 Prozent der Erwachsenen in Alabama als evangelikale Protestanten, im ganzen Land sind es 23 Prozent.
Evangelikal ist dabei nicht dasselbe wie evangelisch im deutschen Sinn. Gemeint sind Kirchen, in denen die persönliche Bekehrung, die wörtliche Autorität der Bibel und die Mission im Mittelpunkt stehen. Die größte dieser Kirchen sind die Southern Baptists. Für viele ihrer Mitglieder ist Abtreibung keine politische Frage unter vielen, sondern eine moralische Grenze: 74 Prozent der weißen Evangelikalen in den USA wollen Abtreibung in allen oder den meisten Fällen verbieten. Im ganzen Land sehen es 60 Prozent der Menschen umgekehrt, sie wollen, dass Abtreibung legal bleibt.
Kaum ein Thema trennt die USA so sauber entlang von Glauben und Partei. Und in Alabama ist diese Grenze längst Gesetz geworden.
Was das Verbot bedeutet
Seit der Supreme Court im Juni 2022 das bundesweite Recht auf Abtreibung aufgehoben hat, gilt in Alabama ein fast vollständiges Verbot. Erlaubt ist ein Abbruch nur, wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Eine Ausnahme nach einer Vergewaltigung oder bei Inzest gibt es nicht. Schon 2018 hatten 59 Prozent der Wähler*innen in die Verfassung des Staates schreiben lassen, dass er die Rechte des ungeborenen Lebens schützt. Im Februar 2024 ging das Oberste Gericht Alabamas noch einen Schritt weiter: Eingefrorene Embryonen aus künstlicher Befruchtung gelten seitdem als Kinder. Mehrere Kliniken setzten ihre Behandlungen daraufhin aus.
Warum ein einziges Thema reicht
Was in der Bar in Prattville gesagt wurde, hat in der Politikwissenschaft einen Namen: Single-Issue-Voting, die Wahlentscheidung entlang eines einzigen Themas. Bundesweit ist das die Ausnahme. Im Oktober nannten 46 Prozent der registrierten Wähler*innen Abtreibung »sehr wichtig« für ihre Entscheidung, die Wirtschaft dagegen 84 Prozent. Unter weißen Evangelikalen liegt der Wert mit 58 Prozent am höchsten.
Die Moralpsychologie spricht in solchen Fällen von geschützten oder heiligen Werten. Gemeint sind Überzeugungen, die Menschen nicht gegen andere Interessen aufrechnen. Wer Abtreibung für die Tötung eines Kindes hält, verhandelt nicht über Mieten, Zölle oder Gesundheitskosten. Es gibt keine Kompromisse, und es gibt keine Alternative. Dazu kommt die soziale Identität: In Alabama fallen Glaube, Kirchengemeinde, Familie und Partei oft zusammen.
Ein Deal mit dem Teufel
Und doch greift die Erklärung über Identität hier zu kurz. Wer sich mit einem Politiker identifiziert, verteidigt ihn. Die Menschen in dieser Bar tun das nicht. Sie nennen ihn selbst den Teufel. Sie wissen, was er tut, und sie wählen ihn mit Kalkül, weil er der Einzige ist, der ihre eine Forderung erfüllt. Keine Kompromisse, keine Alternative. Das ist keine Verschmelzung, das ist ein Deal mit dem Teufel.
Bei Trumps Rally in Fort Myers, eine Woche zuvor, haben wir einen ganz anderen Satz gehört: »God made Trump«, Gott hat Trump gemacht. So heißt ein Video, das Trump im Januar 2024 selbst geteilt hat. Für die einen ist er von Gott gesandt, für die anderen der Teufel. Gewählt wird er von beiden.
Das Leben steht über allem, heißt es in der Bar. Aber welches Leben? Im Gewahrsam der Einwanderungsbehörde ICE starben im Haushaltsjahr 2025 so viele Menschen wie seit 2004 nicht mehr, und im folgenden halben Jahr waren es schon mehr als im ganzen Jahr zuvor. Seit Februar führen die USA Krieg im Iran, mit Tausenden Toten. Und in Alabama sterben so viele Menschen durch Schusswaffen wie in kaum einem anderen Bundesstaat, 23,7 von 100.000 Einwohnern im Jahr 2024. Das alles ist verhandelbar. Die Selbstbestimmung einer Frau über ihren eigenen Körper ist es nicht. Geschützt wird das ungeborene amerikanische Leben.
Für das Leben danach und für das Leben anderer gibt es keinen Deal. Das Leben wird nur so lange geschützt, bis es auf der Welt ist. Danach stellt sich die Frage: Gibt es genug zu essen? Eine Krankenversicherung? Sicherheit? Wer kümmert sich darum? Trump tut es nicht. Mit seinem großen Haushaltsgesetz vom Sommer 2025 hat er bei der Krankenversicherung für Arme und bei der Lebensmittelhilfe gekürzt. Nach Schätzung des Haushaltsbüros des Kongresses verlieren dadurch Millionen Menschen ihre Versicherung.
Auch im eigenen Staat bleibt dieses Leben ohne Schutz: Frauen in 41 Counties ohne Geburtsklinik und 21 Prozent der Kinder in Alabama, die in Armut aufwachsen. Und genau darin liegt der Unterschied zur bloßen Identifikation mit einer Partei: Die Menschen, die mir das erzählt haben, wissen, was sie tun. Das zeigt der Satz mit dem Schimpansen. Sie stellen ihr eines Thema mit Kalkül über alles und nehmen den Rest billigend in Kauf, auch ihre eigenen sozialen Probleme.
Für viele Menschen in Alabama ist der Glaube das Wichtigste, was sie haben, und er gibt ihnen Halt, Gemeinschaft und Sinn. Aber ich frage mich, ob Jesus, auf den sie sich berufen, diese Rechnung gefallen würde.
Man kann das, was ich an diesem Abend gehört habe, in drei Stufen beschreiben. Die erste ist Identifikation: Glaube, Gemeinde, Familie und Partei gehören zusammen, und wer republikanisch wählt, bestätigt, wer er ist.
Die zweite ist Kalkül: Man weiß, wen man wählt, man nennt ihn sogar den Teufel, und man wählt ihn, weil er liefert.
Die dritte ist das billigende In-Kauf-Nehmen: Man kennt die Folgen für andere und akzeptiert sie als Preis für das eigene Ziel. Erst diese dritte Stufe macht aus einer Glaubensüberzeugung eine politische Entscheidung, für die man Verantwortung trägt.
Vergessen in der Kulisse
Und trotzdem sagen die Menschen hier, sie fühlten sich vergessen. Wie eine Filmkulisse, vor der andere ihre Geschichten erzählen. Die Zahlen geben ihnen recht. Trump hat Alabama 2024 mit 64,6 Prozent gewonnen, der letzte Demokrat, der den Staat bei einer Präsidentschaftswahl geholt hat, war Jimmy Carter 1976. Einen demokratischen Gouverneur gab es zuletzt 1998.
Wer nie umkämpft ist, um den wirbt niemand. Bei den Midterms 2022 gingen nur 38,5 Prozent der registrierten Wähler*innen wählen, so wenige wie seit mindestens 36 Jahren nicht. Es gab kaum Wahlwerbung und in mehreren landesweiten Rennen keinen demokratischen Kandidaten. Ein republikanischer Berater aus Mobile sagte damals: Eine echte Wahl gibt es hier nicht. Eine Beraterin aus Montgomery: Für die meisten ist es einfach ein weiterer Dienstag.
Dabei hätte dieser Staat Gründe, laut zu werden. Alabama ist nach eigener Statistik der siebtärmste Staat der USA. 15,7 Prozent der Menschen leben in Armut, bei Kindern sind es 21,3 Prozent. Ein mittlerer Haushalt hat rund 15.500 Dollar im Jahr weniger als im Landesdurchschnitt.
Das andere Alabama
Wer durch Alabama fährt, fährt durch die Geschichte der amerikanischen Demokratie. In Montgomery weigerte sich Rosa Parks 1955, ihren Sitzplatz im Bus zu räumen. In Selma prügelte die Polizei 1965 auf der Edmund-Pettus-Brücke friedliche Demonstrierende nieder, die für das Wahlrecht marschierten. Wenige Monate später unterschrieb Präsident Johnson den Voting Rights Act.
Und in Alabama wird um dieses Erbe bis heute gestritten. 2013 kippte der Supreme Court auf Klage von Shelby County, Alabama, einen Kern des Gesetzes: Staaten mit einer Geschichte der Diskriminierung müssen Änderungen am Wahlrecht seitdem nicht mehr vorab genehmigen lassen. 2023 musste Alabama nach einem Urteil einen zweiten Wahlkreis schaffen, in dem Schwarze Wähler*innen eine realistische Chance haben, ihre Abgeordneten selbst zu bestimmen. Im Mai 2026 erlaubte der Supreme Court dem Staat, für diese Wahl wieder seine alte Karte zu nutzen, die ein Bundesgericht zuvor als »absichtlichen Versuch« bezeichnet hatte, die Stimmen Schwarzer Bürger*innen zu schwächen.
Alabama ist also nicht nur rot. Kamala Harris gewann 2024 zwölf der 67 Counties, darunter Montgomery, Dallas County mit Selma und Macon County. Und bei der Gouverneurswahl am Dienstag tritt mit Doug Jones ein Demokrat an, der 2017 schon einmal überraschend eine Senatswahl in Alabama gewonnen hat. Gegen Tommy Tuberville, den früheren Football-Trainer und heutigen Senator, liegt er in der jüngsten Umfrage bei 40 zu 51 Prozent.
Und bei uns?
Auf den ersten Blick hat das wenig mit Deutschland zu tun. In Sachsen-Anhalt, wo die AfD im September stärkste Kraft wurde, gehören nur 13,8 Prozent der Menschen einer der beiden großen Kirchen an. Und gerade die Konfessionslosen haben dort am häufigsten AfD gewählt, 47 Prozent, unter Evangelischen waren es 33 Prozent. In Alabama trägt der Glaube die rechte Mehrheit. In Sachsen-Anhalt ist es eher das Fehlen von Bindung.
Das Kalkül dahinter ist trotzdem dasselbe. Im Mai 2025 sagten im ARD-DeutschlandTrend 91 Prozent der AfD-Anhänger, es sei ihnen egal, dass die AfD als rechtsextrem gilt, solange sie aus ihrer Sicht die richtigen Themen anspricht. Das ist der Schimpansen-Satz auf Deutsch: Man weiß, wen man wählt, und man wählt ihn trotzdem. Und die Sprache wandert. Im Entwurf ihres Wahlprogramms zur Bundestagswahl 2025 schrieb die AfD, Abtreibung müsse »die absolute Ausnahme bleiben«. Schwangeren sollten in der Konfliktberatung Ultraschallbilder ihres Kindes gezeigt werden, und statt Abtreibung brauche es eine »Willkommenskultur für Kinder«.
»Jesus liebt das Leben«, haben mir die Menschen in Prattville gesagt. Die Politik, die sie wählen, schützt es am Ende nicht. Das ist für mich der Kern dieses Abends. Es ist mehr als Identifikation mit einer Partei, es ist Kalkül. Wer so wählt, ist nicht ahnungslos, sondern hat eine Entscheidung getroffen. Und ein Deal mit dem Teufel hat immer einen Preis. Bezahlt wird er meistens nicht von denen, die ihn abschließen, sondern von Frauen, von Kindern in Armut, von Minderheiten. Und am Ende auch von denen, die sich hier vergessen fühlen.
Wie Identität politische Entscheidungen überlagert und warum Angriffe auf die eigene Seite die Bindung sogar stärken, beschreibe ich im USA-Kapitel meines Buchs »Wenn der rechte Rand regiert« (Heyne, 2026): Wenn der rechte Rand regiert.
Weiter nach New Orleans
Von Alabama aus sind wir weiter an die Küste von Mississippi gefahren und dann nach New Orleans. Dort erleben wir Halloween und Allerheiligen, in einer Stadt, die blau wählt, in einem Staat, der rot ist. Am Dienstag ist Wahltag, und den verbringen wir in Austin, Texas. Ich bleibe dran.






