Wie könnte Deutschlands Zukunft aussehen, wenn autoritäre Kräfte stärker werden?
Zukunftsszenarien für Deutschlands Demokratie und der Fall Sachsen-Anhalt.
41 Prozent. So steht die AfD gerade in den Umfragen für Sachsen-Anhalt. Am 6. September wird gewählt. Und viele fragen sich:
Was passiert eigentlich, wenn sie gewinnt?
Genau darauf gibt es eine Antwort. Keine Prognose – aber eine Landkarte. Zukunftsforscher*innen der Initiative D2030 haben für mein aktuelles Buch “Wenn der rechte Rand regiert” eine Studie mit acht Szenarien entwickelt: Wie könnte Deutschland 2035 aussehen, wenn autoritäre Kräfte stärker werden? Und wie, wenn wir es verhindern? Ich habe mit den Szenarien intensiv gearbeitet - sie können nicht vorhersagen, was passiert. Sondern sie zeigen, was passieren könnte und wie wir damit umgehen müssen.
Hier sind die acht Zukünfte. Eine davon werden wir bekommen. Welche, entscheiden wir.
Zwei Pfade in die Erosion
Vorab das Wichtigste: Demokratien sterben selten mit einem Knall. Sie erodieren. Die Studie beschreibt dafür zwei Pfade.
Der adaptive Pfad: Hier verändert sich zuerst, wie wir reden. Welche Themen dominieren. Wie über Minderheiten gesprochen wird. Die Institutionen halten – aber die Sprache kippt.
Der institutionelle Pfad: Hier verändern sich die Strukturen selbst. Regierungsbeteiligungen. Machtübernahmen. Gerichte, Medien, Verfassung.
Beide Pfade beginnen am selben Punkt. Und beide können am selben Ende ankommen.
Szenario 1: Bollwerk Demokratie
Das einzige Szenario, in dem es gut ausgeht. Demokratische Kräfte – von konservativ bis links – stellen ihre gemeinsamen Grundwerte in den Vordergrund. Klare Abgrenzung nach rechts, klare Kommunikation, enge Kooperation. Die Justiz bleibt unabhängig, die Medien vielfältig, die Mitte handlungsfähig. Populistische Parolen verpuffen. Deutschland 2035: eine stabile, lernfähige Demokratie.
Klingt selbstverständlich? Ist es nicht. Die Studie sagt klar: Dieses Szenario entsteht nicht zufällig. Sondern durch gemeinsames Handeln.
Szenario 2A: Das süße Gift von rechts
Die Brandmauer steht – auf dem Papier. Aber die etablierten Parteien übernehmen schrittweise rechte Positionen, um Wähler zurückzugewinnen. Migration, Identität, innere Sicherheit: Der Diskurs verschiebt sich nach rechts, ohne dass Rechtspopulisten regieren. Das Paradox: Formal bleibt alles demokratisch. Aber die Demokratie entkernt sich selbst.
Szenario 2B: Alles außer Regierung
Die nächste Stufe: Rechtspopulisten sitzen nicht im Kabinett – aber im Kopf der Politik. Sie tolerieren eine Minderheitsregierung, und viele Entscheidungen werden mit Blick auf ihre Zustimmung getroffen. Die Sprache verroht, Empathie schwindet, Medien wollen “neutral” bleiben und verlieren dabei Haltung. Ein Land, das sich demokratisch nennt – aber die Energie verloren hat, Demokratie zu verteidigen.
Szenario 3A: Ein wenig mehr rechts, bitte
Jetzt fällt die Brandmauer. Konservative Parteien suchen die Zusammenarbeit mit Rechtspopulisten, die sich moderat und staatstragend geben. Erst kommunal, dann als Juniorpartner auf Landes- oder Bundesebene. Minderheiten geraten unter subtilen Druck. Unternehmen passen sich an. Medien lavieren. Eine stille Koexistenz von Demokratie und populistischer Normalität.
Szenario 3B: Lasst sie mal machen
Rechtspopulisten führen eine Regierung – in Koalition mit Konservativen. “Patriotisch-pragmatisch” nennen sie das. Europäische Zusammenarbeit wird reduziert, die Mediengesetzgebung verschärft, Bildungspolitik betont “traditionelle Werte”. Übergriffe auf Minderheiten werden nur halbherzig geahndet. Demokratisch im Verfahren, autoritär im Ton.
Szenario 4A: Freiheit von Recht(s)
Der Kurs radikalisiert sich: Rechtsextreme Kräfte übernehmen. Die Wirtschaft wird radikal dereguliert – gleichzeitig werden Grundrechte eingeschränkt und die Kontrolle verschärft. KI-basierte Überwachung, gleichgeschaltete Kommunikation. Deutschland 2035: sauber, effizient – und unheimlich leblos.
Szenario 4B: Aktive Opposition gegen regressive Regierung
Rechtsextreme und völkisch-autoritäre Kräfte stellen die Bundesregierung – aber die Zivilgesellschaft wehrt sich. Protestbewegungen, freie Medien, demokratisch regierte Städte halten den demokratischen Geist am Leben. Die Regierung antwortet mit Kriminalisierung. Ein Land im inneren Kampf um seine Zukunft. Zerrissen – aber noch nicht verloren.
Szenario 4C: Jenseits von Demokratie und Freiheit
Deutschland ist kein demokratischer Staat mehr. Parlamente und Medien gleichgeschaltet, Oppositionelle inhaftiert oder im Exil, Wahlen nur noch Ritual. Überwachung, Zensur, “Remigration”. Freiheit existiert nur noch als Erinnerung.
Beide Pfade – der adaptive wie der institutionelle – können hier enden.
Wo stehen wir?
Die Studienmacher haben genau das untersucht und Deutschland systematisch entlang der Szenarien bewertet. Das Ergebnis: Wir bewegen uns derzeit zwischen Szenario 1 und Szenario 2A. Zwischen Bollwerk und süßem Gift.
Konkret heißt das: Rechtspopulistische Positionen prägen längst die Debatten – über Migration, innere Sicherheit, nationale Identität. Aber die demokratischen Institutionen sind stabil. Die AfD sitzt in keiner Landesregierung, nicht in der Bundesregierung. Noch verläuft die Auseinandersetzung über Worte, nicht über Strukturen.
Genau das könnte sich am 6. September ändern.
Denn die Studienmacher haben auch den hypothetischen Fall durchgerechnet: Was passiert, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt eine absolute Mehrheit gewinnt und ihr Programm weitgehend umsetzt? Die Antwort: ein Strukturbruch. Deutschland würde den adaptiven Pfad verlassen und auf den institutionellen einschwenken – mitten hinein in Szenario 3A, “Ein wenig mehr rechts, bitte”. Die Szenarien 1 und 2A verlieren an Erklärungskraft. Alle anderen gewinnen an Bedeutung. Es ginge dann nicht mehr nur darum, wie wir reden. Sondern darum, wer regiert und was das mit unseren Institutionen macht.
Genauso wichtig ist aber, was die Analyse nicht zeigt: Ein Wahlsieg der AfD führt nicht automatisch in autoritäre Strukturen. Kein Sprung in die 4er-Szenarien. Kein Kippschalter und kein Automatismus. Was folgt, ist offen und es gibt zahlreiche mögliche Entwicklungen. Entscheidend ist nicht die Rhetorik allein, sondern entscheidend ist, ob sich die Regeln verschieben: Gewaltenteilung, unabhängige Institutionen, fairer politischer Wettbewerb. Genau da müssen wir hinschauen.
Der Weg zurück existiert. Immer.
Das ist für mich die wichtigste Botschaft: Rechtspopulistische Machtgewinne, sogar der Abbau demokratischer Grundlagen, sind grundsätzlich umkehrbar. Jedes Szenario hat einen Rückweg.
Aber die Rückkehr passiert nicht von allein. Sie braucht funktionierende Wahlen. Unabhängige Institutionen. Eine Zivilgesellschaft, die nicht müde wird. Und sie dauert länger als der Umbau davor. Deutlich länger.
Deshalb zählt der Moment davor. Also: jetzt.
Die Studienmacher bringen es auf einen Satz: Demokratie ist kein Zustand. Sie ist eine Entscheidung.
Deine. Meine. Am 6. September und an jedem Tag davor.
Mehr zu den Szenarien, den Kipppunkten und dem, was jetzt konkret hilft: in meinem Buch “Wenn der rechte Rand regiert” und kostenlos zum Nachlesen in der Studie.







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