Heute ist Wahltag. In Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern. Die Wahllokale sind bis 18 Uhr offen und bis dahin ist nichts entschieden. In der letzten Umfrage vor der Landtagswahl lag die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in MV bei 37 Prozent. Die AfD lag bei 36. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Frage, wer stärkste Kraft im Land wird.
Diese Zahlen sind wichtig. Heute Abend entscheiden sie darüber, wer den Regierungsauftrag für sich beansprucht. Aber was ich gestern in Schwerin gesehen habe, erklärt, was hinter ihnen steckt. Warum die AfD so stark ist. Und warum sie es bleibt, wenn wir nichts ändern. Die Antwort hing dort auf einem Plakat.
Ein „Mega-Event” und ein geliehenes Gesicht
Die AfD hatte zur Abschlussveranstaltung ihres Wahlkampfs geladen und nannte sie „Mega-Event”. Das Erste, was ich gesehen habe, war das Plakat. Vorne: Ulrich Siegmund. Dahinter: Leif-Erik Holm.
Kurz zur Einordnung. Holm ist der Spitzenkandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern. Er will heute Ministerpräsident werden. Siegmund ist der Spitzenkandidat aus Sachsen-Anhalt, wo die AfD vor zwei Wochen 43,8 Prozent geholt hat. Er steht heute auf keinem einzigen Stimmzettel.
Trotzdem ist er der Star. Er schreibt Autogramme. Er wird gefeiert. Holm steht blass daneben. Ein Ex-Radiomoderator, seit über zehn Jahren an der Spitze des Landesverbands. Die taz bescheinigte ihm den Charme eines Sparkassenbeamten.
30 Prozent wollen den Mann. 36 Prozent wollen die Partei.
Dieselbe Umfrage hat auch gefragt, wen die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern als Ministerpräsidenten wollen. 61 Prozent sagen: Schwesig. 30 Prozent sagen: Holm. Seine Partei aber liegt bei 36. Die AfD ist also stärker als ihr eigener Kandidat.
Ein schwacher Kandidat. Ein Wahlkampf, der wirkt wie von vor zehn Jahren. Und trotzdem mehr als ein Drittel der Stimmen. Wie passt das zusammen?
So: Die Menschen feiern hier nicht nur einen Kandidaten. Sie feiern die Partei. Und das Gefühl, dort dazuzugehören.
Die Partei als Verein
Die Forschung nennt es soziale Identität. Menschen ziehen ihren Selbstwert aus der Gruppe, zu der sie gehören. Viele wählen die AfD nicht wegen eines Programms und nicht wegen einer Person. Sie wählen sie aus Zugehörigkeit. Wir, die zu kurz kommen. Wir, die übersehen werden. Die AfD hat es geschafft, dass dieses Wir ihren Namen trägt.
Das ist kein Zufall. In einem Strategiepapier der Bundestagsfraktion steht es als Ziel: Die Menschen sollen die AfD nicht mehr aus Protest wählen, sondern weil sie sich mit ihr identifizieren.
Und sobald die Partei Teil von dir ist, passieren zwei Dinge. Erstens: Der Kandidat wird zweitrangig. Beim Fußball wechselt man ja auch nicht den Verein, nur weil der Trainer schwach ist. Man geht trotzdem ins Stadion. Zweitens: Kritik prallt ab. Die Forschung nennt das motiviertes Denken. Was gegen die eigene Gruppe spricht, wird nicht geprüft, sondern abgewehrt. Weil sich jeder Beleg gegen die Partei anfühlt wie ein Angriff auf dich selbst.
Siegmund ist der Turbo. Nicht der Motor.
Was ist dann Ulrich Siegmund? Das Zugpferd. In Sachsen-Anhalt hat er 170.000 Nichtwähler an die Urne geholt. Er ist nicht der Grund für das Drittel. Er ist der Grund für das, was obendrauf kam. Deshalb stand er gestern in Schwerin vorne. Nicht, damit die AfD stark wird. Das ist sie auch mit Holm. Sondern damit sie noch stärker wird.
Und deshalb war Sachsen-Anhalt kein Sonderfall. Die Zugehörigkeit reist auch ohne Siegmund. Nach Schwerin. Nach Berlin. Bundesweit steht die AfD in den Umfragen bei fast 30 Prozent. Diese Partei hängt nicht an einem Mann. Sie hängt an einem Gefühl.
Siegesgewiss. Obwohl nichts entschieden ist.
Vor zwei Wochen in Magdeburg war es ein Familienfest. Kinder, T-Shirts mit Siegmunds Gesicht, stundenlange Schlangen für ein Foto. In Schwerin habe ich weniger Familien gesehen. Dafür erkennbare Neonazis. Eindeutige Tattoos. Und die Reden waren radikaler.
Von der Bühne immer dieselben Sätze, in Dauerschleife: Alles ist möglich. Wir holen uns unser Land zurück. Auch das ist gut erforscht: Was wir oft genug hören, halten wir irgendwann eher für wahr.
Und überall Siegesgewissheit. Obwohl die AfD in der letzten Umfrage einen Punkt hinter der SPD lag. Das ist kein Übermut, das ist Strategie. Wer wie der Sieger auftritt, mobilisiert die Eigenen.
Was ihr heute tun könnt. Und was ab morgen ansteht.
Lasst euch nicht entmutigen. Wenn ihr in Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin wohnt und noch nicht wählen wart: Ihr habt bis 18 Uhr Zeit. Wenn ihr Menschen dort kennt: Schreibt ihnen. Jetzt. Bei einem Prozentpunkt Abstand zählt jede Stimme.
Aber der heutige Abend ist nicht das Ende der Geschichte, egal wie er ausgeht. Einen Star kann man entzaubern. Eine Zugehörigkeit nicht. Deshalb ist die eigentliche Frage eine andere: Warum gibt es dieses Wir gerade nur bei der AfD?
Menschen brauchen Zugehörigkeit. Und die Demokratie bietet sie vielen gerade nicht. Solange die Menschen bei der AfD etwas zu feiern haben und woanders nicht, gewinnt sie. Mit Siegmund. Und auch ohne ihn. Das ist unsere Aufgabe ab morgen: dieses Wir zurückholen. Ein Wir, in dem man gesehen wird. Ein Wir, das niemanden ausschließt. Ein Wir mit Zukunft.
Wir haben nur diese eine Demokratie. Lasst sie uns gemeinsam verteidigen.
Eure Sally





Niemand muss irgendetwas zurückholen vor allem, wenn es denjenigen gar nicht gehört und weil es immer noch das ist, wo es hingehört - in die Hände der Demokraten. Wenn jemand dieses Land stiehlt, dann genau sind es genau diese Menschen, die andere einlullen, lügen, Fakten verdrehen, Menschen bedrohen, die nicht ihrer Meinung, echte Probleme als nicht existent definieren (Klimawandel) und überhaupt KEINE Lösungen haben. Ich frage mich ernsthaft wie man auf solche Vernebelungstaktiken, Lügen, falsche Versprechen hereinfallen bzw. diese auch noch gut finden kann. Wir müssen uns wieder viel mehr um die kümmern, die die Demokratie verteidigen, dahinter stehen, sich nicht unterkriegen lassen. Und ach ja, die Rechtsradikalen verstehen keine verbalen Argumente, die verstehen nur eine andere Sprache - die spreche ich (leider) nicht ... das müssen andere in die Hand nehmen.