Seit Sonntagabend bekomme ich Nachrichten. Viele. Von Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben und sich fragen, ob sie bleiben sollen. Von Menschen, die nicht dort leben und sich fragen, ob das jetzt überall so kommt. Von Menschen, die seit Jahren kämpfen und gerade das Gefühl haben, es hat nichts gebracht.
Ich verstehe jede einzelne dieser Nachrichten. 43,8 Prozent für eine Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft. Das ist der höchste Wert, den die AfD je bei einer Landtagswahl erreicht hat.
Und trotzdem: 56 Prozent haben sie nicht gewählt. Wer regiert, entscheidet der Landtag. Was in den nächsten Wochen passiert, hängt davon ab, ob die demokratischen Parteien ihre Verantwortung ernst nehmen und ob es eine Lösung gibt. Das werden wir weiter beobachten, und die Analyse dazu bekommt ihr von mir.
Aber wir stecken jetzt nicht den Kopf in den Sand. Denn wir haben Einfluss. Deswegen schauen wir heute darauf, was wir tun können. Und warum das so wichtig ist: Weil wir für diese Demokratie kämpfen müssen. Wir haben nur diese eine.
Bevor du anfängst
Wenn du gerade Angst hast: Ich verstehe dich. Du musst nicht alles tun, was hier steht. Such dir eine Sache aus, die dir guttut. Denn das ist kein Sprint. Das ist ein Marathon.
1. Engagiere dich
In einer Initiative. In einem Verein. In einer demokratischen Partei. Es ist egal, wo, solange es vor Ort ist. Denn vor Ort ist es am wirksamsten, und vor Ort fehlen gerade die Leute. In vielen Gemeinden gibt es keine demokratische Partei mehr, die überhaupt noch Kandidat:innen findet. Das ist die Lücke, in die die AfD hineingewachsen ist. Und das ist die Lücke, die wir schließen können.
2. Kümmere dich um die, die jetzt Angst haben
Migrant*innen. Queere Menschen. Viele von ihnen fühlen sich seit Sonntag nicht mehr sicher in ihrem eigenen Land. Frag nach. Hör zu. Sag klar, dass du da bist. Und vergiss dich selbst dabei nicht.
3. Bleib in Kontakt mit Menschen, die anders denken
Das ist der wichtigste Punkt auf dieser Liste. Deshalb wird er länger.
Unsere größte Stärke sind unsere Beziehungen. Autoritäre Bewegungen funktionieren, indem sie Menschen in einer Identität festhalten: Wir gegen die. Wer einmal drin ist, soll nicht mehr nachdenken, sondern folgen. Denn wer nachdenkt, würde irgendwann merken, dass diese Partei nichts für ihn tut. Genau das wollen Autoritäre nicht. Sie brauchen Menschen, die nicht reflektieren.
Und genau da können wir ansetzen. Nicht mit Faktenchecks, das funktioniert nicht, das haben wir alle schon erlebt. Sondern mit Fragen. Warum denkst du das? Wie kommst du zu deiner Meinung? Zeig mir doch mal deine Quelle. Wer gefragt wird, muss nachdenken. Und wer nachdenkt, ist nicht mehr nur Gefolgschaft.
Das passiert nicht auf Instagram. Das passiert am Küchentisch, im Verein, im Familienchat, bei der Arbeit. Also bleib im Gespräch. Aber halte dagegen. Mach deine Haltung klar. Schweigen wird als Zustimmung gelesen, und zwar von beiden Seiten.
4. Informiere dich und deine Angehörigen
Politische Bildung gehört an den Frühstückstisch. Und an den Stammtisch. Wer weiß, wie eine Ministerpräsidentenwahl funktioniert, lässt sich nicht erzählen, die Demokratie werde ausgehebelt, wenn sie einfach nur funktioniert. Informieren ist nicht passiv. Es ist die Grundlage für alles andere.
5. Stärke die, die Demokratie tragen
Abonniere lokale Medien. Spende an Beratungsstellen, an Opferberatungen, an Vereine, die Demokratiearbeit machen. Geh zu Veranstaltungen, auch wenn du müde bist. Diese Strukturen brauchen jetzt Rückenwind, nicht erst in vier Jahren. Und sie brauchen ihn dauerhaft.
Danke. Denn es hat gewirkt.
An alle, die in den letzten Wochen gekämpft haben. An die 20.000, die in Magdeburg auf der Straße waren. An die, die an Haustüren geklingelt, Flyer verteilt, Wahlkampfstände betreut und Kommentarspalten ausgehalten haben. An die, die aus ganz Deutschland angereist sind, um zu helfen. An die Vereine, die Initiativen, die Kirchen, die Gewerkschaften, die ganze Zivilgesellschaft, die sich eingesetzt hat. Ihr wart so viele.
Ohne euch wäre das Ergebnis ein anderes. Die AfD hat 39 von 83 Sitzen. Für die absolute Mehrheit hätte sie 42 gebraucht. Drei Sitze. SPD und Grüne, die vor Wochen noch an der Fünf-Prozent-Hürde zitterten, sind mit über acht Prozent im Landtag. Das ist nicht vom Himmel gefallen. Das habt ihr gemacht.
Engagement wirkt. Das habt ihr bewiesen.
Und jetzt?
Was wir uns nicht leisten können, ist die beruhigende Selbsttäuschung. Der Satz „So schlimm ist es ja nicht geworden” ist gefährlich. Denn er stimmt nicht. Es kann so schlimm werden, wenn wir uns nicht bewegen. Rechtsextreme sagen, was sie tun wollen, und dann tun sie es. Wer das nicht glaubt, kann in jedes Land schauen, in dem sie schon regieren.
Und nein, das ist kein ostdeutsches Problem. Sachsen-Anhalt hat zwei Millionen Einwohner:innen, und viele sagen jetzt: Das ist halt der Osten. Aber die AfD liegt bundesweit in Umfragen vorn. Sie will genau das: dass Sachsen-Anhalt normal wird. Dass wir uns gewöhnen. Diese Normalisierung müssen wir stoppen. Mit klaren roten Linien, mit Haltung, mit Gesprächen.
Wir haben so viel Selbstwirksamkeit. Jetzt ist die Zeit, sie zu nutzen. Nicht die Zeit, sich zu verstecken oder wegzuschauen. Wunden lecken, ja. Und dann aufstehen und weitermachen.
Wir müssen diese Demokratie verteidigen, denn wir haben nur diese eine.



