Eine Ehre. Und eine Pointe.
Ich bin an diesem Wochenende nach Harvard eingeladen worden, nach Cambridge bei Boston, um auf der German American Conference zu sprechen – einer der wichtigsten Konferenzen zu den transatlantischen Beziehungen, über tausend Teilnehmende, in den vergangenen Jahren unter anderem Ursula von der Leyen und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Mein Thema: Meinungsfreiheit, und wer ihre Grenze zieht. Vor Studierenden aus den USA, aus Deutschland, aus über 25 Ländern.
Das war eine Ehre. Es war aber auch eine Pointe. Denn Harvard ist gerade der Ort, an dem eine Regierung austestet, wie weit sie gegen eine Universität gehen kann.
Was die Trump-Regierung mit Harvard macht
Im April 2025 fror die Regierung 2,2 Milliarden Dollar an Forschungsgeldern ein, nachdem Harvard sich geweigert hatte, ihr Kontrolle über Einstellungen, Zulassungen und Lehrpläne zu geben. Im Mai entzog das Heimatschutzministerium der Uni das Recht, internationale Studierende aufzunehmen – 27 Prozent aller Studierenden. Ein Gericht stoppte das innerhalb eines Tages. Im Juli erhöhte der Kongress die Steuer auf Harvards Stiftungsvermögen von 1,4 auf 8 Prozent, rund 300 Millionen Dollar im Jahr. Im September 2025 entschied eine Bundesrichterin: Die Kürzungen verstoßen gegen die Meinungsfreiheit, rund 2,7 Milliarden Dollar müssen zurück. Die Regierung legte Berufung ein. Verhandelt wurde Anfang Oktober, wenige Tage vor meiner Ankunft, in beiden Verfahren. Entschieden ist nichts.
Die Folgen sind trotzdem da. Einstellungsstopp, gestrichene Stellen, weniger Doktorand:innen. Bei einem Abend im Harvard Club of Boston ging es um die Entlassungen an der School of Public Health und darum, dass hier nicht nur eine Uni beschädigt wird, sondern die Infrastruktur, mit der ein Land zum Beispiel eine Pandemie bewältigt.
Wissenschaft einschränken ist Teil des autoritären Playbooks. Immer. In meinem Buch „Wenn der rechte Rand regiert” beschreibe ich, wie Regierungen vorgehen, sobald sie an der Macht sind: Sie greifen zuerst die Orte an, an denen widersprochen wird. Universitäten, Medien, Gerichte. Viktor Orbán hat so die Central European University aus Budapest gedrängt. Was in Harvard passiert, ist kein amerikanischer Sonderfall. Es ist das Drehbuch.
Wer zieht die Linie?
Genau darüber habe ich in Harvard gesprochen. In Deutschland ziehen Gerichte die Grenze der Meinungsfreiheit. Volksverhetzung ist strafbar, aus historischem Grund. In den USA darf der Staat fast nichts verbieten, First Amendment. Und trotzdem wurde Jimmy Kimmel im September 2025 nach Druck aus der Regierung für einige Tage vom Bildschirm genommen. Und trotzdem verliert Harvard Milliarden, weil es sich nicht kontrollieren lassen will. Die Linie wird in den USA nicht vom Gesetz gezogen, sondern von Macht: von Sendelizenzen, Fördergeldern, Drohungen. Niemand verbietet dort das Reden. Es wird nur so teuer, dass manche lieber schweigen. Genau so beginnt es.
Das kenne ich aus Deutschland, nur leiser. Wer öffentlich über die AfD spricht, bekommt oft Hass und Drohungen. Zum Schweigen gebracht werden nicht die Lauten, sondern die, die sich das Risiko nicht mehr leisten können.
In drei Wochen wählen die USA
Und ausgerechnet hier, drei Wochen vor der Wahl, wurde über das gesprochen, worüber bei uns noch wenige reden.
Am 3. November werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt. Die Midterms gelten als Zwischenzeugnis für den Präsidenten, und historisch fällt es für seine Partei fast immer schlecht aus. Diesmal hat die schlechte Stimmung einen Namen: der Krieg gegen den Iran, die Zölle, die Preise. Auf dem Midterms-Panel in Harvard fiel der Satz, Sprit koste in manchen Regionen fast sechs Dollar pro Gallone.
Die Zahlen sehen die Republikaner hinten. Das Prognosemodell von Nate Silver gab den Demokraten am 9. Oktober 93 Prozent fürs Repräsentantenhaus und 75 Prozent für den Senat. In allen zwölf umkämpften Senatsstaaten liegen Trumps Zustimmungswerte im Minus. Die Republikaner halten 53 von 100 Senatssitzen, die Demokraten brauchen netto vier dazu.
Aber ich bin vorsichtig. 2016 und 2024 haben die Umfragen Trump unterschätzt. Diesmal steht er nicht auf dem Wahlzettel, und ohne ihn mobilisiert seine Basis schlechter, sagen die einen. Die anderen sagen: Genau das hat man 2016 auch gesagt. Ich habe vier Wochen, um das herauszufinden.
Texas: der Staat, der nicht kippen sollte
Trump hat Texas 2024 mit 14 Punkten Vorsprung gewonnen. Jetzt tritt für die Republikaner Ken Paxton an, der umstrittene Generalstaatsanwalt, der den langjährigen Senator John Cornyn in der Stichwahl der Republikaner aus dem Rennen geworfen hat. Gegen ihn: der Demokrat James Talarico. Eine Umfrage von Fox News von Ende September sieht Talarico bei 51 Prozent, Paxton bei 49. Innerhalb der Fehlertoleranz, aber in Texas ist das allein schon eine Nachricht. 58 Prozent der Wähler:innen sehen Paxton negativ. Trump war vergangene Woche in San Antonio, um für ihn zu werben, Elon Musk finanziert seine Kampagne mit. Ich werde in der letzten Woche vor der Wahl in Dallas sein. Jetzt wisst ihr, warum.
Die eigentliche Frage: Was tut Trump, wenn er verliert?
Das ist die Analyse, die bei uns noch kaum jemand führt. In Harvard war sie das Zentrum. Der Begriff dafür: Stresstest für die amerikanische Demokratie.
Das Szenario: Die Republikaner verlieren, und die Geschichte von der gestohlenen Wahl liegt schon bereit. Trump hat im August 2025 angekündigt, Briefwahl und Wahlmaschinen abschaffen zu wollen – wozu ein Präsident nicht befugt ist, weil die Bundesstaaten die Wahlen organisieren. Sein Justizministerium verklagt Bundesstaaten auf Herausgabe kompletter Wählerverzeichnisse. Es wird berichtet, das Ministerium wolle bis zu tausend Beamte an Wahllokale schicken, um zu „beobachten”.
Die Expert:innen in Harvard rechnen damit, dass die Ergebnisse wegen der Briefwahl erst um den 9. November belastbar sind. Dann beginnt die Zertifizierung in den Bundesstaaten und dort erwarten sie den Angriff. Die Frage ist, ob der neue Kongress Anfang Januar regulär zusammentritt. Die Politikwissenschaft hat dafür einen nüchternen Befund: Autokratisierung läuft heute nicht gegen Wahlen, sondern über sie. Gewählt wird. Was fehlt, ist die Bereitschaft, das Ergebnis anzuerkennen.
Trump is going to be Trump
Und gleichzeitig die Warnung vor der Überreaktion. Selbst wenn die Demokraten beide Kammern gewinnen, ändert sich weniger, als viele hoffen. Trump regiert seit fast zwei Jahren über Dekrete. Ein demokratischer Kongress kann Gesetze blockieren, Untersuchungen einleiten, Budgets verweigern. Die Außenpolitik, die Zölle, die Einwanderungsbehörden bleiben beim Präsidenten. Die Forschung nennt das „Executive Aggrandizement”: Die Institutionen bleiben formal intakt, die Macht wandert zur Exekutive. Der Kongress kann bremsen, aber nicht stoppen. Das ist keine Entwarnung. Es ist der Grund, warum wir hinschauen müssen, egal wer gewinnt.
Warum Trump die AfD braucht
Jetzt der Teil, der uns direkt betrifft. Gudrun Engel, Washington-Korrespondentin der ARD sagte auf einem Podium sinngemäß: Trump will kein starkes, geeintes Europa. Ein gespaltenes Europa ist schwächer, und ein schwaches Europa ist leichter zu handhaben. Deshalb unterstützt seine Regierung die Kräfte, die spalten. „Sie wollen, dass wir die Verlierer sind.”
Das ist dokumentiert. Februar 2025: Vizepräsident Vance erklärt auf der Münchner Sicherheitskonferenz, für Brandmauern sei kein Platz, und trifft Alice Weidel. Mai 2025: Der Verfassungsschutz stuft die AfD als gesichert rechtsextremistisch ein, Außenminister Rubio nennt das „Tyrannei in Verkleidung”. September 2026: Die AfD gewinnt Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent, Elon Musk gratuliert auf Deutsch mit „Gut gemacht!” – derselbe Musk, der 2024 rund 290 Millionen Dollar in den US-Wahlkampf gesteckt hat und jetzt Republikaner in den Midterms finanziert.
Wir wollen alle dasselbe
Ein Satz aus Boston zum Schluss. Eine Korrespondentin erzählte von ihrer Reise durchs Land. Überall dieselbe Frage: Was wollt ihr für euer Land? Überall dieselbe Antwort. Sicherheit. Bezahlbare Preise. Ein Land, das funktioniert. Die Menschen sind sich einig, was sie wollen. Sie sind sich nur nicht einig, wer schuld ist und sie reden nicht mehr miteinander. Deshalb, sagte sie, gehe es bei dieser Wahl um mehr als um Mehrheiten. Es gehe um die Frage: Wer sind wir?
Und jetzt fahre ich los
Drei Wochen durch die USA, bis zur Wahl am 3. November. Ich will mit den Menschen reden, die diese Wahl entscheiden. Auf Trump-Rallys, in Texas, an den Küchentischen. Ich will verstehen, wie das System funktioniert, was die Demokraten anders machen könnten und was passiert, wenn Trump das Ergebnis nicht akzeptiert.
Denn was dort am 3. November passiert, kommt bei uns an. Nicht irgendwann. Jetzt schon. Wer verstehen will, was auf Deutschland zukommt, muss hinschauen, wo es schon passiert. Und wer hinschaut, kann sich wehren. Das ist das, was ich aus Harvard mitnehme: Dort gibt niemand auf. Sie klagen, sie forschen, sie reden – laut und öffentlich, obwohl es sie etwas kostet.





