Gott schuf Trump
Am Freitag war ich auf einer Trump-Rally in Fort Myers in Florida, elf Tage vor der Wahl. Bevor Trump auf die Bühne kam, wurde es dunkel in der Halle, und auf den Bildschirmen lief ein Video: „God made Trump“, Gott schuf Trump. Gott habe auf die Welt geschaut und gesagt, er brauche jemanden, der sich kümmert, der gegen die Marxisten kämpft und bis nach Mitternacht arbeitet. Also schuf Gott Trump.
Ich habe mich in der Halle umgesehen. Niemand hat gelacht, niemand hat gezögert. Die Menschen haben gejubelt. Sie glauben das.
Das Video ist keine Fan-Produktion. Es gehört zu einer Reihe von Wahlkampfclips, die das Weiße Haus mit rund 20 Millionen Dollar aus dem Etat des Heimatschutzministeriums hat produzieren lassen. Es läuft inzwischen vor vielen seiner Auftritte.
Eine kleine Halle und eine lange Schlange
Die ersten Autos standen schon vor sechs Uhr morgens auf dem Campus der Florida Gulf Coast University. Die Schlange vor dem Eingang wurde künstlich in die Länge gezogen, und stundenlang standen die Menschen in der prallen Sonne. Einige wurden mit dem Rettungswagen abgeholt. Drinnen wartete eine kleine Halle mit rund 4.500 Plätzen. Viele kamen nicht mehr hinein.
Fast alle trugen MAGA-Kappen, Flaggen und Kostüme, die sie selbst genäht und gebastelt hatten. Draußen standen Demonstrierende und fragten: Wie könnt ihr ihn wählen? Drinnen hat diese Frage niemanden erreicht.
Trump selbst sprach fast zwei Stunden. Er verlor sich in Geschichten, wirkte müde und unkonzentriert, und während er redete, gingen die ersten schon nach Hause. An der Begeisterung im Saal änderte das wenig. Genau das hat mich beschäftigt: Es kommt gar nicht darauf an, was er sagt. Es kommt darauf an, dass man dabei ist.
Warum Trump jetzt von Halle zu Halle zieht
Seit Anfang Oktober tourt Trump durch das Land. In der vergangenen Woche besuchte er jeden Tag einen anderen Bundesstaat, und er tritt auch dort auf, wo Republikaner sonst ohne Mühe gewinnen. Der Grund ist einfach: Es wird eng. Seine Zustimmung lag Mitte Oktober in einer Umfrage von Reuters und Ipsos bei 31 Prozent, so niedrig wie nie. Die Demokraten liegen bei der Frage, wen die Menschen in den Kongress wählen wollen, deutlich vorne.
Trump steht diesmal nicht selbst auf dem Wahlzettel. Also fordert er seine Anhänger:innen auf so zu tun, als stünde er doch darauf. Diese Rallys sind sein wichtigstes Werkzeug, um seine Leute zu binden. Für die Wahl, und für die Zeit danach.
Vom dunklen ins goldene Zeitalter
Was diese Bindung zusammenhält, ist eine Erzählung, die er auf fast jeder Bühne wiederholt: Unter den Demokraten habe Amerika im dunklen Zeitalter gelebt, unter Trump beginne das goldene. Und in das Dunkle will niemand zurück. MAGA sei die größte Bewegung der Geschichte. Je schlechter die Umfragen werden, desto düsterer wird das Bild, das er von seinen Gegnern zeichnet.
In Fort Myers kam ein Florida-Kapitel hinzu. Der Generalstaatsanwalt des Bundesstaats nannte Florida die Blaupause für ganz Amerika, und Trump beschrieb Florida als den Ort, an den Menschen vor Kommunisten fliehen. Dazu kam ein Versprechen: 5.000 Dollar für jede erwachsene Bürgerin und jeden erwachsenen Bürger, wenn die Republikaner beide Kammern halten.
Was mich am meisten getroffen hat, war der Ton. Der Hass kommt als Witz daher, und die Halle lacht mit. Die Medien sind Fake News, Migrantinnen und Migranten sind die Gefahr. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass irgendwann jemand stutzt oder widerspricht. Das passiert nicht.
Was in solchen Hallen mit Menschen passiert
Die Forschung hat für das, was ich dort gesehen habe, mehrere Begriffe. Der erste ist die soziale Identitätstheorie: Menschen ziehen ihren Selbstwert aus der Gruppe, zu der sie gehören. Die Kappe, das selbstgemachte Kostüm, die Flagge sagen alle dasselbe: Ich gehöre dazu. Der zweite ist die kollektive Efferveszenz, das Rauschgefühl, das entsteht, wenn eine Menge gemeinsam fühlt. Was auf der Bühne vorgegeben wird, spiegelt sich im Publikum.
Bei Trump geht es noch einen Schritt weiter. Psychologinnen und Psychologen sprechen von Identitätsfusion. Gemeint ist, dass das eigene Ich mit dem Anführer verschmilzt, sodass sich ein Angriff auf ihn wie ein Angriff auf einen selbst anfühlt. Eine Studie in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour hat gezeigt, dass Menschen, die stark mit Trump verschmolzen sind, eher bereit sind, Wahlergebnisse auch mit Gewalt anzufechten.
Wenn dann noch Gott ins Spiel kommt, wird diese Bindung unangreifbar. Wer glaubt, dass Trump von Gott geschickt wurde, für den ist Kritik a Trump Kritik an Gott. Wer schaut dann noch darauf, was er tatsächlich tut?
Alle Analysen und Reisevideos findet ihr auf meinem YouTube-Kanal: https://www.youtube.com/@sallylisa-starken
Und wenn er verliert?
Das ist die Frage, die über dieser Wahl liegt. Trump hat schon im Februar erklärt, er werde das Ergebnis nur akzeptieren, wenn die Wahl ehrlich sei. Andernfalls müsse „etwas anderes passieren“. Am vergangenen Donnerstag sagte er in Iowa, er habe das Recht auf eine dritte Amtszeit, weil man ihm 2020 die Wahl gestohlen habe. Das ist falsch, und die Verfassung verbietet eine dritte Amtszeit ausdrücklich. Aber seine Anhänger:innen glauben es.
Sieben von zehn Amerikanerinnen und Amerikanern bezweifeln laut einer Umfrage von ABC News, Washington Post und Ipsos, dass Trump eine Niederlage anerkennen würde. Und es sind Menschen wie die in der Halle in Fort Myers, die er dann mobilisieren kann. Menschen, für die Demokratie nur funktioniert, solange er gewinnt.
Was das mit uns zu tun hat
Dieses Muster kennen wir aus Deutschland. Die AfD lernt von Trump, und Trump braucht die AfD. Seine Regierung hat in ihre Nationale Sicherheitsstrategie geschrieben, sie wolle sogenannte patriotische Parteien in Europa stärken. Ein gespaltenes Europa nützt ihm. Wenn Trump damit durchkommt, Wahlergebnisse anzuzweifeln, ist das eine Vorlage, auch für die AfD.
Wie autoritäre Bewegungen vorgehen, sobald sie an der Macht sind, und was das konkret in den USA bedeutet, beschreibe ich in meinem Buch »Wenn der rechte Rand regiert«. Vieles von dem, was ich in Fort Myers gesehen habe, steht dort schon schwarz auf weiß. Am Sonntag, zwei Tage vor der Wahl, widme ich der USA eine eigene Analyse auf meinem YouTube-Kanal.
Wir sind dem nicht ausgeliefert
So fest eine Bewegung auch gebunden ist, sie kann an der Wahlurne verlieren. Entschieden wird nicht in den Hallen. Und dagegenhalten können nicht nur Wählerinnen und Wähler, sondern eine ganze Zivilgesellschaft, die sich organisiert.
Genau deshalb bin ich von Fort Myers aus weitergefahren nach Jacksonville, zu einer Gemeinde, die ihre Leute zum Wählen aufruft. Was ich dort erlebt habe, erzähle ich euch im nächsten Newsletter. Bis zur Wahl ist es noch eine Woche, und ich bleibe dran.




