Ich war am Freitag auf dem AfD-Familienfest in Magdeburg, einer der großen Abschlussveranstaltung vor der Landtagswahl. Und das Gefühl, das ich dort hatte, war eindeutig: Ich stehe auf einer Trump-Veranstaltung. Ich habe über beides berichtet und die Parallelen sind kein Zufall. Die AfD lernt von der MAGA-Bewegung. Ganz bewusst. Sie hat verstanden, wie Identität und Gruppenzugehörigkeit funktionieren. Und sie setzt dieses Wissen gezielt ein.
Es fängt am Eingang an. Die Einlasskontrolle zieht sich, länger als nötig, damit du das Gefühl hast: Hier ist was los, hier passiert etwas Besonderes. Drinnen: Merch-Stände. T-Shirts mit Ulrich Siegmund drauf, fünfzehn Euro. Und wenn du es kaufst und anziehst, gehörst du dazu. Die Leute feiern sich gegenseitig für ihre Outfits. Familien stehen neben identitären und völkischen Erkennungszeichen. Diese Gruppen können hier nebeneinander existieren, weil alle dasselbe daraus ziehen: das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Zu den Gewinnern. Dazu passt der Slogan, mit dem die AfD arbeitet: “Alles ist möglich”. Aufbruch, Veränderung, endlich geht’s los – dieses Gefühl wird hier verkauft.
Die Forschung hat dafür einen Namen: soziale Identitätstheorie. Menschen beziehen ihren Selbstwert aus Gruppenzugehörigkeit. Das T-Shirt, die Fahne, die Erkennungszeichen. Genau das ist es. Und genau damit spielt die AfD.
Auf der Bühne: nur Männer. Der Landesvorsitzende Martin Reichardt, Bundeschef Tino Chrupalla, am Ende Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Und um den hat die AfD einen Personenkult aufgebaut, der stark an Trump erinnert. Zweieinhalb Stunden standen Menschen an, um ein Foto mit ihm zu machen. Sie rufen „Uli”. Sie weinen, wenn sie ihn sehen. Er gibt sich volksnah, für alle da.
Bevor er spricht, heizen Vorredner die Menge auf. Es wird gewütet, es wird geschrien. Wenn auf der Bühne „Wir sind das Volk” angestimmt wird, schreit die Menge es zurück. Gegner werden zu Feinden gemacht: Aktivist*innen für die Demokratie werden als Linksextreme dargestellt, die anderen Parteien als Versager. Und die Menge spiegelt genau diese Wut. Auch dafür gibt es einen Begriff: kollektive Efferveszenz. Das Rauschgefühl, wenn eine Menge gemeinsam fühlt. Was auf der Bühne vorgegeben wird, spiegelt sich im Publikum. Und Wut senkt nachweislich die Fähigkeit, Dinge kritisch zu hinterfragen.
Genau das braucht die AfD. Diese Volksfeststimmung entsteht nicht zufällig. Sie ist bewusste Manipulation – Teil des autoritären Drehbuchs. Denn wer im Gefühl ist, hinterfragt nicht. Und wer die Inhalte prüfen würde, würde merken: Die AfD hat für diese Menschen keine Lösungen. Sie redet über Energiepreise, über den Tankrabatt, über die Sorgen „des kleinen Mannes” – aber ihre Antworten sind entweder nicht finanzierbar oder menschenverachtend. Damit das niemandem auffällt, braucht es das Gefühl. Nicht die Inhalte. Und dieses Gefühl sollen die Menschen bis Sonntag tragen – und an der Urne in eine Stimme umwandeln.
Die Manipulation endet nicht auf dem Festplatz. Sie geht weiter auf Social Media. Die Menschen teilen ihre Fotos mit Siegmund, die Videos gehen rum und genau das will die AfD. Angekündigt waren zehntausend Besucher. Nach meiner Einschätzung waren es keine dreitausend – auch das ZDF berichtete, dass der Platz kurz vor Beginn noch vergleichsweise leer war. Viele Besucher sind angereist aus NRW, aus Thüringen – dieselben Gesichter, die ich die ganze Woche auf anderen Veranstaltungen gesehen habe. Aber in den Videos sieht das aus wie eine Massenbewegung. Auch das ist Kalkül.
Und morgen wird gewählt. Im letzten ZDF-Politbarometer liegt die AfD bei 41 Prozent, die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze bei 23 Prozent. Die AfD wird diese Wahl also vermutlich gewinnen. Aber entschieden ist noch nichts. Für eine absolute Mehrheit würde es nach dieser Umfrage nicht reichen. Und weil CDU, Linke, SPD und Grüne eine Koalition mit der AfD ausschließen, hätte sie keinen Partner zum Regieren.
Jede einzelne Stimme entscheidet mit, wie stark die AfD wirklich wird und ob die demokratischen Parteien zusammen eine Mehrheit halten. Die AfD weiß das übrigens selbst: Siegmund rief beim Familienfest in die Menge, wenn die absolute Mehrheit verfehlt werde, gebe es eben Neuwahlen und dann hole man „50, 60 Prozent”. Auch das ist Teil der Erzählung: Wir gewinnen sowieso, es ist nur eine Frage der Zeit.
Deshalb schreibe ich euch das heute, einen Tag vor der Wahl. Denn Manipulation funktioniert am besten, wenn man sie nicht erkennt. Wer versteht, wie dieses Gefühl gemacht wird, ist geschützt davor, ihm zu verfallen. Und das seid ihr jetzt. Die AfD gewinnt nicht, weil ihre Inhalte überzeugen, sondern weil ihre Manipulation funktioniert. Je mehr Menschen das durchschauen, desto schwerer machen wir es ihr. Und morgen zählt jede Stimme für die Demokratie.
Meinen ganzen Bericht vom Familienfest seht ihr hier auf Instagram.
Und wer tiefer einsteigen will: Was passiert, wenn autoritäre Bewegungen tatsächlich an die Macht kommen und was wir daraus lernen können –, davon handelt mein Buch „Wenn der rechte Rand regiert”. Vieles von dem, was ich in Magdeburg gesehen habe, steht dort schwarz auf weiß. Genau so war es vorhersehbar.





