Eine Schlange wie vor einem Konzert
Am Mittwoch war ich in Atlanta, bei Barack Obama. Er ist in diesen Tagen das Gesicht des demokratischen Wahlkampfs, und in Georgia stand er für zwei Kandidaten auf der Bühne: für Senator Jon Ossoff, der seinen Sitz verteidigen muss, und für Keisha Lance Bottoms, die frühere Bürgermeisterin von Atlanta, die Gouverneurin werden will. 30.000 Menschen hatten sich angemeldet, die Halle in Morrow, einem Vorort im Süden der Stadt, war voll. Ich habe stundenlang in der Schlange gestanden.
Vor zwei Jahren war ich im Wahlkampf von Kamala Harris in Charlotte. Solche Schlangen habe ich damals nicht gesehen. Jetzt fühlt es sich an wie vor einem Konzert: eine Marching Band, Janelle Monáe, und zwischen den Menschen eine Stimmung, die ich bei den Demokraten lange vermisst habe. Hoffnung. Bottoms sagt auf der Bühne einen Satz, den ich mir aufgeschrieben habe: Demokratie ist kein Zustand, sie ist eine Handlung. Jede Generation muss sie neu verteidigen, und wir verteidigen sie, indem wir sie benutzen. Indem wir wählen. In Georgia haben das bis Mittwoch mehr als 2,2 Millionen Menschen getan. Die vorzeitige Stimmabgabe endet am Freitag, am Dienstag ist Wahltag.
Dann kommt Obama. »Diese Wahl«, sagt er, »ist unsere letzte, beste Chance.« Und ich denke die ganze Zeit: Ihr hattet doch schon eine.
Der Witz, der Trump nicht losließ
Bevor ich erkläre, was ich damit meine, muss ich von einer Geschichte erzählen, die Obama an diesem Abend selbst erzählt hat. Am Samstag hatte er in Cleveland gewitzelt, Trump habe das Weiße Haus so mit Gold zugekleistert, dass es aussehe, als hätte Saddam Hussein eine Cheesecake Factory eröffnet, eine amerikanische Restaurantkette mit goldener Deko und Säulen. Dahinter steckte Kritik: Der Präsident renoviert, statt sich um die Preise zu kümmern.
Was danach passierte, konnte Obama in Atlanta selbst kaum glauben. Trump nannte ihn einen schlechten Präsidenten, das Weiße Haus veröffentlichte eine gefälschte Speisekarte mit Trumps angeblichen Erfolgen, und der Finanzminister stellte sich vor eine Filiale und erzählte, was er bestellt hat. Der Vergleich mit einem Diktator hatte Trump nicht gestört. Die Restaurantkette schon. Obamas Fazit, das ich mitgefilmt habe: »Das sind keine seriösen Menschen.« Sie hätten keine Lösungen für echte Probleme, also würden sie Ablenkungen in die Welt werfen.
Das ist die Essenz dieses Abends, und sie geht über einen Witz hinaus. Empörung ersetzt Politik, und zwar mit Absicht. Wer die Schlagzeilen mit Aufregung füllt, bestimmt, worüber nicht gesprochen wird. Nicht über die Preise, nicht über die Zölle, nicht über den Krieg im Iran, den Obama in Atlanta einen Krieg nannte, den niemand bestellt und niemand gewählt hat.
Wogegen, aber nicht wofür
Nur: Dass Trump so arbeitet, wissen die Demokraten seit zehn Jahren. Die Frage ist, was sie dem entgegensetzen. Und da komme ich zu dem, was mich seit meiner letzten Reise nicht loslässt.
Vor einem Jahr habe ich in New Jersey einen Wahlkämpfer der Demokraten getroffen, den ich aus dem Harris-Wahlkampf kannte. Ich habe ihn gefragt, wie seine Partei das Blatt wenden will. Die Antwort war Stille. Dann: Man müsse die Menschen wieder überzeugen. Und wie? Man müsse weitermachen. Das ist keine Antwort, habe ich ihm gesagt. Es war auch nicht sein Problem. Es war der Zustand der Partei. Der Stratege James Carville, der einst Bill Clinton ins Weiße Haus gebracht hat, riet den Demokraten Anfang 2025 öffentlich, sich tot zu stellen: Die Republikaner würden unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen, und die Amerikaner würden die Demokraten schon vermissen.
Ich nenne das in meinem Buch »Wenn der rechte Rand regiert« die Arroganz der Demokraten. Die Annahme, es reiche, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, die Wähler würden das schon irgendwann merken. Diese Haltung gibt es nicht nur in den USA, und sie hat bislang überall verloren. Im Sommer 2025 hatten laut Wall Street Journal nur noch 33 Prozent der Amerikaner ein positives Bild von der Demokratischen Partei, der schlechteste Wert seit 35 Jahren. Die Befragten nannten die Partei schwach und abgehoben. Die Demokraten wussten, wogegen sie sind. Wofür, blieb erstaunlich vage.
Was die Demokraten jetzt anbieten
Am Mittwoch klang das anders, und das ist für mich die eigentliche Nachricht aus Atlanta. Bottoms redete nicht nur über Trump. Sie redete über Krankenversicherung. Georgia gehört zu den zehn Bundesstaaten, die Medicaid, die staatliche Krankenversicherung für Menschen mit geringem Einkommen, bis heute nicht ausgeweitet haben. Hunderttausende Georgier haben in diesem Jahr ihren Versicherungsschutz verloren, nachdem die Zuschüsse aus Obamas Gesundheitsreform ausgelaufen sind. Bottoms will Medicaid vollständig ausweiten, dazu Geld für Vorschulen, höhere Lehrergehälter, und sie will das Abtreibungsverbot ab der sechsten Woche kippen. Bezahlbare Wohnungen, mehr Geld in der Tasche. Es sind soziale Antworten auf soziale Probleme.
Und Obama sagte einen Satz, der mir hängen geblieben ist: Vielleicht liefern wir nicht schnell genug. Dann werden die Menschen frustriert. Deshalb brauchen wir gute Leute. Das ist für einen ehemaligen Präsidenten eine bemerkenswert ehrliche Beschreibung des Problems. Die Demokraten hatten Zeit zu liefern. Sie haben jetzt eine zweite Chance. Und sie müssen sie nutzen, solange die Umfragen für sie sprechen.
Was gegen die Bindung an Trump hilft
Warum das so wichtig ist, erklärt die Forschung. Ich habe im letzten Newsletter von der Trump-Rally in Fort Myers berichtet und von dem Begriff, mit dem Psychologinnen und Psychologen beschreiben, was dort passiert: Identitätsfusion. Das eigene Ich verschmilzt mit dem Anführer, und ein Angriff auf ihn fühlt sich an wie ein Angriff auf einen selbst. Daraus folgt etwas, das die Demokraten lange nicht wahrhaben wollten: Wer Trump angreift, erreicht seine Wähler nicht. Er drückt sie enger an ihn.
Was stattdessen wirkt, haben die Politikwissenschaftler David Broockman und Joshua Kalla in Haustürstudien untersucht, die in der Fachzeitschrift Science erschienen sind. Ihre Methode heißt Deep Canvassing: Freiwillige klopfen an Türen, aber sie argumentieren nicht. Sie fragen, hören zu, lassen die Menschen von eigenen Erfahrungen erzählen. In den Studien haben sich Einstellungen dadurch messbar verschoben, und der Effekt hielt mindestens drei Monate. Broockman erklärt das so: Wer das Gefühl hat, als falsch dargestellt zu werden, verteidigt sein Selbstbild. Wer gehört wird, kann sich bewegen.
Das deckt sich mit dem, was demokratische Strategen inzwischen selbst sagen: Die Verteidigung der Demokratie als Wahlkampfthema kommt bei den eigenen Leuten an, aber sie gewinnt keine Wechselwähler. Die gewinnt man mit Gesundheit, Bildung und Wohnen. Zuhören statt belehren. Eigene Themen statt seine. Lösungen statt Empörung. Genau das habe ich am Mittwoch zum ersten Mal auf einer Bühne der Demokraten gehört.
Wer steht gegen Trump auf dem Wahlzettel?
Ein Problem bleibt, und das hat an diesem Abend niemand ausgesprochen. Trump steht bei dieser Wahl nicht zur Abstimmung, und er weiß, dass seine Leute ohne ihn zu Hause bleiben. Also sagt er ihnen seit dem Sommer: »Tut so, als stünde ich auf dem Wahlzettel.« Die Demokraten haben niemanden, der das für das ganze Land sagen könnte. Einzelne Personen, ja: Ossoff in Georgia, Gavin Newsom in Kalifornien, James Talarico in Texas. Aber das Zugpferd, das in Atlanta auf der Bühne stand, war schon einmal Präsident. 96 Prozent der Demokraten haben ein positives Bild von Obama, kein anderer kommt an diese Zahl heran. Er selbst sagt, er wolle vom Spieler zum Coach werden. Ein Gesicht gegen Trump ist das nicht.
Ob das am Dienstag eine Rolle spielt, wird sich zeigen. In Georgia liegt Ossoff laut der Umfrage der Atlanta Journal-Constitution mit 48 zu 40 Prozent vorn, und der Vorsprung kommt von den Frauen, bei den Männern steht es unentschieden. Bottoms und ihr republikanischer Gegner liegen gleichauf.
Was das mit uns zu tun hat
Ich habe in Atlanta die ganze Zeit an Deutschland gedacht. Die Haltung, es reiche, gegen die AfD zu sein, kennen wir. Und wir kennen ihr Gegenstück, das genauso wenig funktioniert: die AfD zu kopieren. In Sachsen-Anhalt hat die CDU beides versucht und steht heute bei 17 Prozent, mit einer Fraktion, die bei der Wahl des Ministerpräsidenten lieber den Saal verlässt, als ihren eigenen Leuten eine Nein-Stimme zuzutrauen. Die Demokraten haben zwei Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass »Wir sind nicht Trump« kein Programm ist. Bei uns hat diese Erkenntnis noch nicht einmal begonnen.
Die Lehre aus Atlanta ist einfach, und sie gilt diesseits und jenseits des Atlantiks: Wer Menschen an die Identifikation mit einem Einzelnen verliert, bekommt sie nicht zurück, indem er den Einzelnen angreift. Er bekommt sie zurück, indem er ihre Probleme löst. Wenn niemand das tut, suchen sie sich etwas anderes, woran sie sich festhalten können. Wie autoritäre Bewegungen diesen Mechanismus nutzen, und was Demokratien dagegen tun können, beschreibe ich in »Wenn der rechte Rand regiert«. Am Sonntag, zwei Tage vor der Wahl, geht es in meiner Analyse auf YouTube um genau diese Frage: wie Trump regiert, was die Demokraten dagegen tun, und was das für uns heißt.
Weiter nach Westen
Von Atlanta aus fahren wir jetzt durch Alabama und Mississippi nach Texas. In Montgomery und Selma, wo vor sechzig Jahren um das Wahlrecht gekämpft wurde, das die Menschen in Georgia diese Woche zu Millionen nutzen. Und dann nach Austin, wo ein Demokrat versucht, einen roten Staat zu drehen. Am Dienstag ist Wahltag. Ich bleibe dran.





