Gestern wurde Geschichte geschrieben und ich war dabei - in der Wahlnacht in Austin, bei der Wahlparty von James Talarico. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was ich alles gefühlt habe. Als die Ergebnisse kamen, jubelten wir in der Menge, die Menschen umarmten sich und weinten. Auch uns erging es so. Texas, wo die Demokraten seit 1988 keine Senatswahl und seit 1990 keine Gouverneurswahl mehr gewonnen hatten, hat demokratisch gewählt.
Und Texas war nicht die einzige Überraschung dieser Nacht. Die Demokraten gewinnen die Midterms. Sie holen beide Kammern des US-Kongresses, den Senat und das Repräsentantenhaus. Zwei Jahre nach Trumps Wahlsieg hat ein großer Teil der USA ihm eine klare Antwort gegeben.
In diesem Newsletter erkläre ich euch, was in der Wahlnacht passiert ist, wer die Demokraten gewählt hat und warum, was Trump jetzt noch kann und was nicht. Und was das alles mit uns in Deutschland zu tun hat.
Was passiert ist: Beide Kammern gehen an die Demokraten
Midterms sind die Wahlen zur Halbzeit eines Präsidenten. Gewählt wird nicht der Präsident, sondern der Kongress: alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und rund ein Drittel der 100 Sitze im Senat. Vor der Wahl hatten die Republikaner in beiden Kammern die Mehrheit, im Senat 53 zu 47.
Das hat sich in einer Nacht gedreht. Die Nachrichtenagentur AP, die in den USA traditionell die Wahlsieger*innen ausruft, meldet: Die Demokraten gewinnen den Senat und das Repräsentantenhaus. Im Senat stehen sie bei 54 Sitzen, die Republikaner bei 44. Zwei Rennen werden noch ausgezählt, Alaska und Mississippi, und in beiden liegen die Demokrat*innen hauchdünn vorn. Im Repräsentantenhaus haben die Demokraten nach den bisherigen AP-Entscheidungen 228 Sitze, die Republikaner 139. 218 reichen für die Mehrheit, rund 70 Rennen sind noch offen.
Das ist mehr als ein knapper Sieg. Für die Mehrheit im Senat hätten den Demokraten vier zusätzliche Sitze gereicht. Sie haben sieben geholt.
Die blaue Welle: Sieben Staaten wechseln die Farbe
In den USA steht Rot für die Republikaner und Blau für die Demokraten. In dieser Nacht wurden sieben Senatssitze von Rot zu Blau. Darunter sind Staaten, die seit Jahren fest in republikanischer Hand waren, wie Kansas, Iowa und Texas.
North Carolina: Roy Cooper
South Carolina: Annie Andrews
Ohio: Sherrod Brown
Kansas: Adam Hamilton
Iowa: Josh Turek
Texas: James Talarico
Maine: Troy Jackson
Gleichzeitig haben die Demokraten alle Sitze gehalten, die sie verteidigen mussten, auch die umkämpften. In Michigan gewinnt Abdul El-Sayed, der erste Muslim im US-Senat, in Georgia Jon Ossoff. Kein einziger demokratischer Senatssitz ging an die Republikaner. Und die Welle ist vielleicht noch nicht zu Ende: In Mississippi, wo seit 1982 kein Demokrat mehr eine Senatswahl gewonnen hat, führt der Demokrat Scott Colom mit 43 Stimmen vor der Republikanerin Cindy Hyde-Smith. In Alaska liegt Mary Peltola 626 Stimmen vor Dan Sullivan. Dort werden noch Tausende Briefwahlstimmen ausgezählt, die letzte Auszählungsrunde ist für den 18. November geplant.
Texas: Das Geld hat verloren
In Texas gewinnt James Talarico den Senatssitz gegen Ken Paxton, den Generalstaatsanwalt von Texas. Und Gina Hinojosa wird Gouverneurin, sie schlägt Greg Abbott, der seit 2015 regiert hat. Zuletzt hatten Demokraten in Texas 1988 eine Senatswahl gewonnen und 1990 eine Gouverneurswahl.
Am Abend vor der Wahl stand ich bei Talaricos letztem Auftritt in Austin. Er sagte: »Ich möchte ein Senator für jeden Texaner sein, der sich keinen leisten kann.« Und dann den Satz, um den es am Ende in dieser Wahl ging: »Sie mögen das Geld haben. Aber wir haben die Mehrheit.«
Wie viel Geld gemeint war, zeigen die Zahlen. Für Werbung in diesem einen Rennen wurden laut der Analysefirma AdImpact 573 Millionen Dollar ausgegeben. Es ist damit das teuerste Rennen um ein Amt unterhalb der Präsidentschaft. Allein Elon Musk gab laut CNN mindestens 168 Millionen Dollar an Gruppen, die für Paxton Wahlkampf gemacht haben.
Zur Wahrheit gehört auch: Talarico hatte selbst viel Geld. Mit 146 Millionen Dollar an Spenden hat er mehr gesammelt als alle anderen in diesen Midterms, Paxton selbst nur 22 Millionen. Der Unterschied liegt darin, woher das Geld kam. Hinter Paxton stand das Geld eines einzelnen Milliardärs. Talarico sagt, er nehme kein Geld von großen Konzernen an. Am Ende haben nicht die Millionen entschieden, sondern die Wähler*innen.
Eine historische Nacht
Texas ist nicht der einzige Ort, an dem in dieser Nacht Geschichte geschrieben wurde.
In Kansas gewinnt Adam Hamilton. Damit wählen die Menschen dort zum ersten Mal seit 1932 einen Demokraten in den Senat, nach fast hundert Jahren.
In Maine verliert Susan Collins. Die Republikanerin saß seit 1997 im Senat und wollte ihre sechste Amtszeit. Sie hat noch in der Nacht ihre Niederlage eingestanden und Troy Jackson gratuliert.
In Georgia wird Keisha Lance Bottoms Gouverneurin, die frühere Bürgermeisterin von Atlanta. Sie ist die erste Schwarze Frau, die in der Geschichte der USA zur Gouverneurin gewählt wurde.
Und in Ohio schlägt Amy Acton, die zu Beginn der Pandemie die Gesundheitsbehörde des Staates geleitet hatte, den Republikaner Vivek Ramaswamy und wird Gouverneurin.
Wer gewählt hat: Die Jungen drehen die Wahl
Wenn man verstehen will, warum diese Nacht so ausgegangen ist, muss man auf die Jungen schauen. Nach ersten Daten der Tufts University haben 71 Prozent der 18- bis 29-Jährigen für die Demokraten gestimmt und nur 25 Prozent für die Republikaner. Bei der Präsidentschaftswahl 2024 lag Kamala Harris in dieser Gruppe nur knapp vor Trump, mit 51 zu 47 Prozent.
Am deutlichsten ist der Wechsel bei den jungen Männern. 2024 haben 56 Prozent von ihnen Trump gewählt. Zwei Jahre später stimmen 63 Prozent der jungen Männer für die Demokraten. Das ist die Gruppe, um die sich Trump und die Rechten weltweit besonders bemüht haben, mit Podcasts, Influencern und dem Versprechen, für sie zu kämpfen. Diesmal hat es nicht verfangen.
Auch die jungen Frauen haben noch deutlicher demokratisch gewählt als 2024: 75 Prozent, nach 58 Prozent für Harris. Und von den Wähler*innen mit lateinamerikanischen Wurzeln, die 2024 zu rund vier von zehn Trump gewählt hatten, stimmte nur noch etwa jede*r Dritte für die Republikaner.
Ein Hinweis zur Einordnung: 2024 war eine Präsidentschaftswahl, 2026 eine Wahl zum Kongress. Der Vergleich zeigt eine Richtung, keine exakte Wanderung von Wähler*innen. Und alle Zahlen sind vorläufig.
Warum: Es ging ums Geld und um Trump
Auf meiner Reise durch den Süden habe ich immer wieder dieselben Sorgen gehört: die Miete, die nur mit drei Jobs zu zahlen ist, die Krankenversicherung, die sich viele nicht mehr leisten können. Die Wahlbefragung der Nachrichtenagentur AP mit rund 80.000 Menschen zeigt, wie sehr genau das diese Wahl geprägt hat.
Rund die Hälfte der Wähler*innen nannte die Lebenshaltungskosten entscheidend für ihre Stimme. Etwa vier von zehn sagten, die Wirtschaft sei das wichtigste Thema, etwa drei von zehn nannten den Zustand der Demokratie. Bei der Gesundheitsversorgung vertrauen die Wähler*innen klar eher den Demokraten als den Republikanern.
Und es war eine Abstimmung über Trump. Etwa sechs von zehn sind mit seiner Amtsführung unzufrieden. Rund vier von zehn sagen, sie hätten gewählt, um gegen ihn zu stimmen. Für ihn zu stimmen, war nicht einmal für zwei von zehn der Grund. Und etwa sieben von zehn finden, dass der Kongress den Präsidenten nicht genug kontrolliert.
Die Demokraten haben in diesem Wahlkampf genau darüber geredet: über Preise, über Krankenversicherung, über das Geld, das am Monatsende fehlt. Sie haben die Probleme sichtbar gemacht, die Menschen jeden Tag spüren, und Antworten angeboten.
Was Trump sagt
Trump hat in der Wahlnacht auf mehrere Arten reagiert. Auf seiner Plattform Truth Social schrieb er: »I wasn’t on the Ballot and if I was, we would have won IN A LANDSLIDE!« Also: Er habe nicht auf dem Stimmzettel gestanden, sonst hätten die Republikaner haushoch gewonnen. Die Niederlage in Texas schob er Greg Abbott zu, der in den letzten sechs Monaten zum »RINO« geworden sei, ein Schimpfwort für Republikaner, die angeblich keine echten sind.
Gleichzeitig sagte er der New York Times: »I am absolutely willing to accept those results.« Er sei bereit, das Ergebnis anzuerkennen, und man werde mit den Demokraten wahrscheinlich etwas aushandeln.
Außerdem postete er ein Bild: eine rote Kappe, wie die seiner MAGA-Kampagne, nur dass statt »Make America Great Again« ein einziges Wort darauf steht: »VETO«. Laut AP hat Trump angekündigt, Gesetze der Demokraten mit seinem Veto zu blockieren. Die Botschaft ist klar: Ihr habt gewonnen, aber ich habe noch ein Werkzeug.
Der Morgen danach: Die Republikaner streiten, wer schuld ist
Am Morgen nach der Wahl begann bei den Republikanern die Suche nach dem Schuldigen. Vizepräsident J.D. Vance schrieb auf X, jeder wisse, warum man verloren habe: »The reason we lost is the war.« Der Krieg gegen den Iran habe die Partei entscheidende Rennen gekostet. Viele Menschen, die 2024 Trump und ihn gewählt hätten, hätten diesmal für die Demokraten gestimmt, aus Wut über den Krieg, über die Lebenshaltungskosten und über das Verhältnis zu Israel.
Trump selbst gab die Schuld anderen: den Kandidat*innen, Greg Abbott, dem Fernsehsender Fox News, dessen Umfragen er noch am Wahlabend als »hit job« beschimpfte. In einem Telefonat mit CBS News gratulierte er den Demokraten dann und sagte, er freue sich auf die Zusammenarbeit. Im selben Gespräch erinnerte er daran, dass er »total veto power« habe, sonst würde er »einfach alles blockieren«.
Auch aus der eigenen Bewegung kommt Kritik. Die frühere Abgeordnete Marjorie Taylor Greene schrieb, Trumps größter Verrat an den Amerikaner*innen sei nicht das, was er versucht habe, sondern das, was er nicht geliefert habe.
Und noch eine Zahl, die untergeht: Die Demokraten stellen jetzt auch die Mehrheit der Gouverneur*innen, zum ersten Mal seit 16 Jahren. Fünf Gouverneursposten haben sie den Republikanern abgenommen, alle in Staaten, die 2024 für Trump gestimmt hatten: Texas, Iowa, Georgia, Nevada und Ohio.
Was jetzt folgt: Ab dem 3. Januar regiert Trump nicht mehr allein
Wer jetzt glaubt, ab morgen sei alles anders, muss sich noch etwas gedulden. Der neue Kongress tritt erst am 3. Januar 2027 zusammen. Bis dahin haben die Republikaner ihre Mehrheiten, und Trump kann sie in den nächsten Wochen noch nutzen.
Ab Januar ändert sich dann viel. Kein Gesetz kommt mehr ohne die Demokraten durch, in keiner der beiden Kammern. Sie können Untersuchungsausschüsse einsetzen und die Regierung kontrollieren. Und im Senat entscheiden sie mit, wen Trump als Richter*innen und Minister*innen ernennen darf.
Trump bleibt aber Präsident, und er behält sein Veto. Um es zu überstimmen, bräuchte es eine Zwei-Drittel-Mehrheit in beiden Kammern. Die haben die Demokraten nicht. Es wird also verhandelt werden müssen. Und viel wird davon abhängen, ob Trump sich an das Ergebnis hält, das er in der Wahlnacht anerkannt hat.
Was das mit uns zu tun hat
Ich bin jetzt seit gut zwei Wochen in den USA unterwegs, von Miami bis Austin, auf Trump-Rallys, in Kirchen, an Küchentischen. Eine Sache habe ich auf dieser Reise gelernt, und diese Nacht hat sie bestätigt: Gegen Trump zu sein, reicht nicht. Es sind immer soziale Antworten, die soziale Probleme lösen.
Das gilt dort. Und das gilt bei uns. Wer die AfD kleiner machen will, kommt mit Empörung allein nicht weit. Es braucht Antworten auf die Fragen, die Menschen nachts wach halten: die Miete, die Rente, die Gesundheit, die Sorge um die Kinder.
Und diese Nacht zeigt noch etwas. Autoritäre Entwicklungen lassen sich umkehren. Eine Studie, die solche Wenden weltweit untersucht hat, zeigt: In drei von vier Fällen ist es zuletzt gelungen, sie wieder zurückzudrehen. Aber nur, wenn Zivilgesellschaft und Parteien früh handeln. Nicht erst, wenn es zu spät ist.
Wie Rechtsextreme Macht gewinnen und was wir ihnen entgegensetzen können, darum geht es auch in meinem Buch »Wenn der rechte Rand regiert«.
Am Abend vor der Wahl sagte James Talarico in Austin: »Sie mögen das Geld haben. Aber wir haben die Mehrheit.« In dieser Nacht hat er recht behalten. Wir können uns durchsetzen. Wenn wir hinschauen, dranbleiben und gemeinsam handeln.
Am Sonntag ordne ich das Wahlergebnis in einer neuen Folge von »Die Analyse« ausführlich ein, auf YouTube und im Podcast »Die Informantin«.













