Die AfD hat aufgeschrieben, wie sie an die Macht kommen will. Nicht in einem geheimen Dossier, sondern auf 53 Seiten, die Beatrix von Storch im Sommer 2025 auf einer Klausur vorgelegt hat. Optisch eine missratene PowerPoint, übergroße Pfeile, Stockfotos blonder Menschen. Inhaltlich sehr ernst. Das Ziel steht auf der ersten Seite: Alice Weidel soll 2029 Bundeskanzlerin werden, am liebsten in einer Koalition mit der CDU.
Ich habe das Papier für mein Buch »Wenn der rechte Rand regiert« 2025 durchgearbeitet und es als Plan für die nächsten Jahre gelesen. Nur passiert gerade in diesem Herbst einiges viel schneller als gedacht.
Das Papier hat ein Kernstück, und das heißt: die CDU zerlegen. Sie von rechts unter Druck setzen, bis sie zwischen Anpassung und Abgrenzung zerreißt. Am Dienstag hat die CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt beschlossen, bei der Wahl des Ministerpräsidenten im Dezember den Saal zu verlassen. Nicht mit Nein stimmen. Rausgehen. Vielleicht weil sie ihren eigenen Leuten nicht mehr traut. Oder auch, damit niemand ihr unterstellen kann, dass jemand geheim für Siegmund als Ministerpräsident gestimmt hat.
Am Sonntag ist die zweite Folge meiner YouTube-Reihe online gegangen. Sie geht das Strategiepapier Punkt für Punkt durch, mit dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer, mit den Zahlen, und mit der Frage, warum die AfD trotz Regierungswechsel weiter wächst. Und nun ordnen wir das mit den aktuellen Geschehnissen ein.
Was in dem Papier steht
Fangen wir mit dem Papier selbst an. Es gliedert den Weg ins Kanzleramt in zwei Voraussetzungen und drei Schritte.
Voraussetzung eins: Mehrheiten schaffen und Akzeptanz vergrößern. Die AfD hat dafür ihre Stammwähler analysiert, Ostdeutsche, Arbeiter, Menschen in ländlichen Räumen, junge Männer, und daneben neue Zielgruppen definiert, die sie bisher nicht erreicht: Frauen, Menschen über 60, Akademiker, Christen, Großstädter. Jede dieser Gruppen soll maßgeschneidert angesprochen werden, »Brücken schlagen« nennt das Papier das. So weit ist das gewöhnliche Parteistrategie. Dann aber kommt der Satz, der mich seit einem Jahr nicht loslässt. Die AfD schreibt selbst, dass gute Wahlergebnisse nicht reichen, solange breite Teile der Bevölkerung Angst vor ihr haben, ein Verbot fordern oder eine Zusammenarbeit mit ihr ablehnen. Diesen Anteil will sie unter 50 Prozent drücken. Die Partei weiß also genau, dass sie den meisten Menschen in diesem Land Angst macht. Sie will das nicht ändern, indem sie sich ändert. Sie will erreichen, dass es den Leuten egal wird.
Voraussetzung zwei: Union und SPD auseinandertreiben. Die SPD soll durch Provokationen nach links gedrängt werden, die CDU durch Migrations- und Sicherheitsthemen nach rechts, so lange, bis die Unterschiede zwischen beiden so groß sind, dass die Koalition bröckelt und eine Zusammenarbeit mit der AfD plötzlich wie die logische Alternative aussieht. Für die CDU bedeutet das: Sie soll so lange unter Druck gesetzt werden, bis sie sich entscheiden muss, ob sie sich anpasst oder abgrenzt. Und das Papier rechnet damit, dass sie diese Frage nicht als Ganzes beantwortet, sondern in zwei Hälften zerfällt.
Auf diesen beiden Voraussetzungen bauen drei Schritte auf. Der erste heißt Kulturkampf durch Polarisierung: Die Gesellschaft soll in zwei Lager geteilt werden, ein »bürgerlich-konservatives« aus Union und AfD und ein angeblich »linksradikales« aus SPD, Grünen und Linken. »Familie gegen Gender«, »Nation gegen offene Grenzen«, »Freiheit gegen Sozialismus«, und die AfD stellt sich selbst in die Mitte. Der zweite Schritt ist, die Koalition in Berlin zu destabilisieren, bis die SPD für die Union untragbar wirkt. Und der dritte Schritt ist, der Union ihren Markenkern zu nehmen, Wirtschaft, Steuern, Finanzen, und die Wechselwähler, die die CDU wegen ihres Rechtskurses gewählt haben, zur AfD zu holen. Wenn das alles klappt, rechnet das Papier vor, wird die AfD stärkste Kraft, mit etwa 28 Prozent.
Im Papier stand 28. In der aktuellen Umfrage steht 29. Deshalb lohnt es sich, die beiden Voraussetzungen einmal durchzugehen und zu schauen, wo wir heute stehen.
Unter 50 Prozent
Im August wollten 46 Prozent der Menschen in Deutschland, dass die anderen Parteien eine Zusammenarbeit mit der AfD grundsätzlich ausschließen. Im September, eine Woche nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, waren es noch 40. Zum ersten Mal sagt eine Mehrheit, 51 Prozent, die Brandmauer solle nicht grundsätzlich gelten. Die erste Voraussetzung aus dem Papier ist damit erfüllt. Nicht 2029. Jetzt.
Was mich daran am meisten beschäftigt, ist die zweite Zahl aus derselben Umfrage. 59 Prozent halten die AfD weiterhin für rechtsextrem, und dieser Wert hat sich in anderthalb Jahren nicht bewegt. Bewegt hat sich nur die Bereitschaft, mit einer Partei zusammenzuarbeiten, die man selbst für rechtsextrem hält. Die Menschen haben also nicht ihre Einschätzung geändert, sondern die Konsequenz, die sie daraus ziehen. Genau das ist der Mechanismus, den das Papier beschreibt. Und es hat einen Monat gedauert.
Wie kann das sein? Ich glaube, die Antwort liegt bei der CDU. Sie versucht seit anderthalb Jahren, die AfD zu kopieren. Die Migrationsanträge im Januar 2025, erstmals nach 1945 mit Stimmen der Rechtsextremen beschlossen. Die Debatte um das »Stadtbild« im Oktober. Die Idee dahinter ist immer dieselbe: Wenn wir so reden wie die, kommen die Wähler zurück. Das Problem ist, dass die eigene Stiftung der CDU diese Idee schon 2023 widerlegt hat. Nur 9 Prozent der AfD-Wählenden wären bereit, CDU zu wählen, wenn die sich der AfD annähert. 70 Prozent können sich keine andere Partei mehr vorstellen. Wilhelm Heitmeyer hat mir dazu einen Satz gesagt, der trocken klingt und trotzdem alles erklärt: »Die Lernkurve der CDU scheint begrenzt.«
Was dabei herauskommt, sieht man in den Zahlen. Union bundesweit 18 Prozent, AfD 29. In Sachsen-Anhalt ist die CDU von 37 auf 17 Prozent gefallen, in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,9 Prozent aus dem Landtag geflogen. Diese Partei hat so viel von rechts übernommen wie nie zuvor, und sie ist so schwach wie nie zuvor. Die Menschen erkennen die Kopie und wählen das Original.
Und eine Partei, die so schwach ist, hält Druck von rechts nicht mehr lange aus. Womit wir bei der zweiten Voraussetzung wären. Und bei dieser Woche.
Die CDU spalten
Ich habe euch letzte Woche geschrieben, wie Tobias Rausch von der AfD am 6. Oktober Landtagspräsident in Sachsen-Anhalt geworden ist: mit 48 Stimmen, obwohl AfD und BSW zusammen nur 44 haben. Die CDU-Fraktion hatte beschlossen, sich geschlossen zu enthalten, gezählt wurden fünf Enthaltungen. Vier Stimmen kamen also von irgendwoher, und seitdem sucht die CDU nach ihnen. Was in den sieben Tagen danach passiert ist, liest sich wie das Strategiepapier in Echtzeit. Nur dass die AfD diesmal nichts tun musste.
Am 7. Oktober sagt Rausch der dpa, Ulrich Siegmund könne im Dezember mit denselben vier CDU-Stimmen rechnen, das sei abgesprochen. Am selben Abend drohen mehrere CDU-Abgeordnete, die Fraktion zu verlassen, und einer von ihnen sagt dem Tagesspiegel: »Sven Schulze hat keine Autorität in der CDU-Fraktion.« Schulze ist Fraktionschef, Landeschef und geschäftsführender Ministerpräsident in einer Person, und er war nach der Wahl mit acht zu sieben Stimmen an die Spitze der Fraktion gekommen. Acht zu sieben, in einer Fraktion mit fünfzehn Leuten. Das sind die zwei Hälften, von denen das Papier spricht.
Am 8. Oktober äußert sich Friedrich Merz. Wer AfD wähle, spiele das Spiel der Extremisten, sagt er. Aber weil die Wahl geheim war, wisse niemand, wer es gewesen sei, und es könnten auch »False-Flag-Operationen« anderer Parteien dahinterstecken. Man muss sich das in Ruhe anschauen: Der Kanzler erklärt vier fehlende Stimmen in seiner eigenen Partei mit einer Verschwörung der anderen. 2021 hatte derselbe Merz jedem mit Parteiausschluss gedroht, der mit der AfD kooperiert. Dennis Radtke, der Chef der CDU-Arbeitnehmerschaft, fordert jetzt genau das und sagt, es dürfe keine »regionalen Rabatte« geben. Die Bundespartei spricht also mit zwei Stimmen. Auch das steht so im Papier.
Dann fragt ZDF frontal alle 14 CDU-Abgeordneten, die am 6. Oktober im Saal waren, wie sie abgestimmt haben. Zehn sagen: enthalten. Das Protokoll zählt fünf. Fünf Angaben stimmen also nicht mit dem Ergebnis überein, und niemand weiß, welche. Tobias Krull, einer von vieren, die mit Nein gestimmt haben wollen, sagt dazu: »Dieses Spekulieren, wer ihn gewählt hat, ist absolut toxisch und hilft nur der AfD.« Da hat er recht. Nur ist nicht das Spekulieren das Problem, sondern die fünf, über die spekuliert werden muss.
Und am 13. Oktober, nach drei Stunden Sitzung, kommt der Beschluss, mit dem ich diesen Newsletter angefangen habe. 14 von 15 stimmen dafür, im Dezember den Saal zu verlassen. Guido Heuer, Schulzes Vorgänger, enthält sich. Schulze sagt hinterher: »Es gibt keine Stimme für einen AfD-Ministerpräsidenten.« Und: »Gemeinsam heißt, alle 15 zusammen.«
Das klingt nach Geschlossenheit. Schauen wir uns an, was der Beschluss tatsächlich bewirkt.
Was Rausgehen bedeutet
Eine Fraktion, die ihren Mitgliedern eine Nein-Stimme zutraut, stimmt mit Nein. Die SPD macht das so, die Linke macht das so. Die CDU geht raus. Das ist keine Interpretation von mir, das ist der Beschluss, und er sagt im Grunde: Wir können nicht garantieren, was unsere Leute in der Kabine tun, also gehen wir gar nicht erst hinein.
Das Problem ist, dass der Beschluss nicht einmal löst, wofür er gedacht ist. Siegmund braucht im ersten und zweiten Wahlgang 42 Stimmen. Die AfD hat 39, das BSW will sich enthalten, und da reicht es tatsächlich, wenn die CDU draußen bleibt. Im dritten Wahlgang aber zählt nur noch die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Wenn die CDU dann draußen ist und das BSW sich enthält, stehen 39 AfD-Stimmen gegen 21 von SPD, Grünen und Linken. Siegmund wäre gewählt, und zwar deutlich. Der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky hat im ZDF gesagt, der Plan sei kein sicherer Weg, Siegmund zu verhindern. Ich würde sagen: Wenn die CDU im dritten Wahlgang draußen bleibt, ist er ein sicherer Weg, ihn zu wählen.
Schulze sagt inzwischen, im dritten Wahlgang wäre die CDU wieder im Saal. Wie sie dann abstimmt, lässt er offen. Siegmund sagt, er trete nur einmal an. Und Alice Weidel sagt: »Der Ulrich Siegmund wird Ministerpräsident. Im ersten, zweiten oder dritten Wahlgang, das ist uns völlig egal.«
Bleibt also ein Plan, der im ersten Wahlgang überflüssig ist, weil die CDU dort ohnehin nicht gebraucht wird, und im dritten gefährlich, weil sie dort fehlt. Das Einzige, was er sicher bewirkt: Die vier oder fünf, die am 6. Oktober anders abgestimmt haben, als sie sagen, müssen im Dezember nicht noch einmal in die Kabine. Niemand muss lügen, wenn niemand wählt.
Und genau hier schließt sich der Kreis zum Papier.
Zwei Hälften, keine Partei
Im Strategiepapier steht, wie die AfD die CDU sieht: als Partei, die man nur lange genug unter Druck setzen muss, bis sie in zwei Hälften zerfällt. Eine, die sich anpasst, und eine, die sich abgrenzt. Und keine mehr, die regiert. In Magdeburg gibt es inzwischen eine Fraktion, die ihren Vorsitz mit acht zu sieben wählt, deren Abgeordnete mit Abspaltung drohen, deren Angaben nicht zum Protokoll passen und die bei der wichtigsten Abstimmung des Jahres lieber den Saal verlässt, als sich selbst zu vertrauen. Das sind die zwei Hälften. Sie heißen nur noch nicht so.
Die AfD kann sich deshalb Spott leisten. Siegmund nennt den Beschluss eine »seltsame Idee«, das BSW nennt die CDU »nur noch eine einzige Trümmertruppe«, Weidel spricht von »Kindergarten allererster Sahne«. Für die zweite Voraussetzung aus ihrem Papier hat die AfD in dieser Woche keinen einzigen Antrag gebraucht. Sie hat zugeschaut.
Die Frage ist, was wir tun, während sie zuschaut.
Was wir jetzt tun können
Erstens: den 5. Dezember im Blick behalten. An diesem Tag wählt die CDU Sachsen-Anhalt einen neuen Landesvorsitzenden, Schulze gibt das Amt ab. Zehn Tage vor der Ministerpräsidentenwahl entscheidet sich dort, ob diese Partei noch eine Linie hat oder nur einen Fluchtweg aus dem Saal.
Zweitens: die Bundespartei nicht aus der Verantwortung lassen. Merz hat 2021 den Parteiausschluss angedroht, Radtke fordert ihn jetzt, und was der Parteivorsitzende stattdessen anbietet, ist eine Verschwörungstheorie. Das ist seine Entscheidung. Unsere ist, ihn jeden Tag zu fragen, warum.
Drittens: sich nicht beruhigen lassen, wenn Siegmund im Dezember im ersten Wahlgang scheitert. Genau das ist der Plan. Im dritten Wahlgang wird gezählt, wer im Saal ist. Und wer nicht.
Das Papier hat die CDU als Gegner beschrieben, den man zerlegen muss. Diese Woche hat sie sich selbst zerlegt. Was im Papier als Arbeit für drei Jahre stand, hat eine Fraktion in Magdeburg in sieben Tagen geschafft.
Nächsten Sonntag auf YouTube: Deutschland, bist du vorbereitet? Justiz, Medien, Wahlen, Zivilgesellschaft, Polizei, Schule. Wo die AfD schon heute mitregiert, ohne zu regieren.
Sally






